Menschlich gesehen

Der Wolkenleser

Wie viele Stunden er in seinem 92-jährigen Leben in der Luft verbracht hat, kann Hans-Werner Große nur schätzen: „20.000 werden es sicherlich gewesen sein.“ Der Lübecker gilt als Segelfluglegende, 50 Weltrekorde hat er sich erflogen und sein Wissen an unzählige Nachwuchspiloten weitergegeben. Doch damit soll nun Schluss sein. Der Betreiber des Flughafens Lübeck-Blankensee hat dem Aero Club von Lübeck nach über 60 Jahren die Weiternutzung des Geländes aufgekündigt. Für Vereinsmitbegründer Große ein Schlag.

Das Fliegen lernte der gebürtige Swinemünder bereits mit 16 Jahren. Damals, 1938, machte er den Pilotenschein. Im Zweiten Weltkrieg wird Große mit seiner Ju 88 über dem Mittelmeer abgeschossen. Er überlebt. Und mit ihm seine Liebe zum Fliegen. „Die Sehnsucht, abheben und schweben zu können, ist wohl in jedem Menschen verwurzelt. Doch der Krieg missbrauchte die Fliegerei, um viel Leid über die Menschen zu bringen.“

Nach Kriegsende wollte Hans-Werner Große deshalb beweisen, dass es auch eine friedliche Art des Fliegens gibt. Die Idee zur Gründung des Segelflugvereins Aero Club von Lübeck war geboren. „Um ein guter Segelflieger zu sein, muss man die Wolken lesen können“, sagt Große. Das drohende Aus für den Segelflugsport in Lübeck erschüttert ihn. „Für mich wäre dies das Ende einer großen Liebe.“