Kommentar

Das Outing und die Verlogenheit

Das Lob für Hitzlspergers Bekenntnis ist wohlfeil

Auf immerhin 52 Länderspiele hat es Thomas Hitzlsperger in seiner Karriere gebracht. Er wurde Meister mit dem VfB Stuttgart, war ob seiner Schusskraft und seines Einsatzes überaus geachtet in der englischen Premier League. Doch nie wurde er so gefeiert wie am Tag seines Outings. Im Minutentakt rauschten am Mittwoch die Solidaritätsadressen durch das Internet. Institutionen wie der DFB, die Bundesliga, der Deutsche Olympische Sportbund, ja selbst die Bundesregierung überboten sich in ihrem Lob für Hitzlspergers Mut, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen.

Im Dezember 2010 hätte es schon einmal eine sehr gute Gelegenheit gegeben, derart engagiert Flagge zu zeigen. Da wurde Fifa-Chef Sepp Blatter gefragt, wie man eigentlich die WM 2022 nach Katar vergeben konnte, wo Homosexualität drakonisch mit Peitschenhieben und Haft bestraft wird. Blatter antwortete, dass Homosexuelle in Katar eben besser jegliche sexuelle Aktivität unterlassen sollten. Statt den Schweizer ob dieser menschenverachtenden Aussage zum Rücktritt aufzufordern – ohnehin längst überfällig nach den Korruptionsskandalen beim Fußball-Weltverband –, hüstelte die Branche nur vornehm. Ach ja, so ist er eben, unser Sepp. Und als der russische Präsident Wladimir Putin, Gastgeber der anstehenden Olympischen Winterspiele in Sotschi, sein Gesetz gegen „Homosexuellen-Propaganda“ unterzeichnete und damit selbst Demonstrationen für die Rechte von Schwulen und Lesben unter Strafe stellte, blieb die Zahl der Boykott-Aufrufe ebenfalls überschaubar.

Damit kein Missverständnis entsteht: Hitzlspergers Bekenntnis verdient Hochachtung, und ja, es wird den Schwulen und Lesben nutzen. Doch das große Lob der Verbände und Regierungen für das erste Outing eines so prominenten deutschen Fußballers bleibt so lange wohlfeil, bis endlich die entschiedene Wahrung der Menschenrechte als K.-o.-Kriterium bei der Vergabe sportlicher Großveranstaltungen gilt. In Ländern, wo sich Schwule und Lesben aus Angst vor Sittenpolizisten verstecken müssen, wenn sie sich küssen wollen, haben weder Olympische Spiele noch Weltmeisterschaften etwas verloren.

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