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Dortmund und die Dramaqueen HSV: Darum lieben wir Fußball

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Die HSV-Profis feierten den Sieg ausgelassen vor den eigenen Fans.

Die HSV-Profis feierten den Sieg ausgelassen vor den eigenen Fans.

Foto: Witters

Der letzte Spieltag in der Bundesliga und der Zweiten Liga verspricht alles, was den Sport ausmacht. Eine Kolumne.

Hamburg. Am Ende konnte sogar Lars Pegelow nur noch lachen. „Jetzt trifft auch noch Dennis Diekmeier“, sagte der NDR-90,3-Reporter in der dritten Minute der Nachspielzeit. Der HSV hatte soeben das 1:5 gegen den SV Sandhausen kassiert. Durch den torungefährlichsten Spieler der HSV-Geschichte, der nun für den Gegner traf. Im eigenen Stadion. Am letzten Spieltag. In einer Partie, in der dem HSV ein Punkt gereicht hätte, um in die Rele­gation um den Aufstieg gegen Werder Bremen einzuziehen. Gegen eine Mannschaft, für die es um nichts mehr ging. Im Volksparkstadion herrschte Stille. Aufgrund der Corona-Pandemie gab es keine Zuschauer. Nur der Livekommentar von Radioreporter Pegelow war zu hören.

Man kann wohl gut und gerne vom Tiefpunkt der Vereinsgeschichte schreiben, was vor drei Jahren im Volkspark passierte. Ein Zusammenbruch erster Güte. Und eine Geschichte, dessen Diekmeier’sche Schlusspointe selbst Steven Spielberg nicht besser hätte inszenieren können. Ein schwarzer Tag für jeden HSV-Fan. Aber eben auch eine dieser Geschichten, für die wir den Fußball lieben.

Schreit Oliver Kahn doch wieder mit einer Stange in der Hand?

An diesem Wochenende könnten sich gleich eine Vielzahl dieser Geschichten ereignen. Bis auf den Abstieg von Hertha BSC sind in der Bundesliga nach vielen Jahren mal wieder fast alle Entscheidungen noch offen. Holt sich Borussia Dortmund am Sonnabend tatsächlich die erste Deutsche Meisterschaft nach zehn für alle Nicht-Bayern-Fans quälend langen und frustrierenden Jahren? Oder sehen wir Oliver Kahn am Ende des Tages wieder mit einer Stange und später der Schale in der Hand schreiend: „Da ist das Ding.“ So wie 2001, als Schalke sich für wenige Minuten als Meister wähnte und dann auf der Anzeigetafel mit ansah, wie Patrik Andersson durch die eigentlich nicht vorhandene Lücke in der HSV-Mauer traf und Marcel Reif in sein Mikro rief: „Die Bayern ...“

Eigentlich nur getoppt vom Abstiegsfinale zwei Jahre zuvor, als die Radioreporter in Frankfurt und Nürnberg sich mit ihren O-Tönen unsterblich machten. „Ich pack das nicht. Ich halt das nicht mehr aus. Ich will das nicht mehr sehen“, rief Günther Koch, als Nürnberg noch einmal traf, aber Jan-Age Fjörtoft wenig später mit seinem legendären Übersteiger-Tor die Eintracht aus Frankfurt rettete. Reporter Dirk Schmitt war fix und fertig: „Frank­furt ist aus. Das Spiel in Frank­furt ist aus.“ Auch Koch konnte nicht mehr: „Wir melden uns vom Abgrund.“ Nürnberg stieg ab.

An diesem Wochenende können mit Schalke, Bochum und Stuttgart noch drei Mannschaften der Hertha in die Zweite Liga folgen. Auch Augsburg ist noch in der Verlosung, um in der Relegation womöglich gegen den HSV zu spielen. Gut möglich also, dass die Konferenzen im Radio oder bei Sky ähnlich legendär werden wie 1999 oder 2001 mit Koch und Co.

Der HSV stand lange für Happyend am letzten Spieltag

Geht es um Drama, darf der HSV aber natürlich nicht fehlen. Da passt es, dass die Hamburger vor 40 Jahren nicht nur Europapokalsieger der Landesmeister wurden, sondern auch am letzten Spieltag durch einen 2:1-Sieg auf Schalke zum sechsten Mal in der Vereinsgeschichte Deutscher Meister. Auch in den Jahrzehnten danach hatte der HSV am letzten Spieltag fast immer das gute Ende für sich. Fragen Sie mal nach bei Piotr Trochowski, der den HSV 2009 in Minute 90.+1 mit einem Traumtor in Frankfurt noch in die Europa League schoss (natürlich stand er NICHT im Abseits). Oder bei Luca Waldschmidt, der den HSV 2017 mit seinem Kopfballtor in letzter Minute noch in der Bundesliga hielt. Es war der Moment, als man sich sicher war, dass dieser Club unabsteigbar ist – egal, was er tut.

Nun, heute wissen wir es besser. Die Hamburger haben sich in den vergangenen fünf Jahren das Etikett der Unaufsteigbaren erarbeitet. Drama aber – das muss man vor allem Trainer Tim Walter lassen – kann der HSV noch immer par excellence. Und so wird auch der Sonntag in Sandhausen wieder zum Nervenspiel. Es würde zur Geschichte dieses Clubs passen, wenn die Zweite Liga in dem 15.000-Einwohner-Ort endet, wo 2018 das erste Auswärtsspiel des HSV in seiner Zweitligageschichte angepfiffen wurde.

Oder hat sich der Fußballgott noch eine andere Pointe überlegt? In jedem Fall wird jeder Fußballfan an diesem Wochenende auf seine Kosten kommen. Auch wenn er dafür 90 Minuten leiden muss.

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