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Post aus Washington

Herschel Walker: Ein Stiernacken zum Fremdschämen

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Dirk Hautkapp
Dirk Hautkapp  ist der US-Korrespondent  des Hamburger Abendblatts.

Dirk Hautkapp ist der US-Korrespondent des Hamburger Abendblatts.

Foto: Dirk Hautkapp

Bei der Nachwahl im US-Bundesstaat Georgia tritt morgen für die Republikaner ein Ex-Footballstar an. Da bekommt selbst Donald Trump kalte Füße.

Wer in Amerika die überschaubaren intellektuellen Kapazitäten eines anderen unterhalb der Schwelle zur Verleumdungsklage zum Ausdruck bringen will, greift darauf zurück, dass es bei Mr. X oder Mrs. Y nicht mal zum „dog walker“ reiche. Das sind die in solventen Kiezen von Großstädten wie New York oder Los Angeles anzutreffenden Minijobber, die mit anderer Leute Vierbeiner gegen Geld Gassi gehen.

Bei Herschel Walker, auf den am morgigen Dienstag bei der Nachwahl im Bundesstaat Georgia für den Senat in Washington nicht nur die Augen vieler Republikaner gerichtet sind, wird der böse Hundeausführer-Vergleich hinter vorgehaltener Hand wegen seines, sagen wir mal, unterphilosophierten Wahlkampfs benutzt. Das hängt zusammen mit Donald Trump.

Herschel Walkers Wahlkampf war eine Pannenserie auf zwei Beinen

Der 60-jährige Walker, den immer noch ein imposanter Stiernacken ziert, war bei den Dallas Cowboys einst ein ziemlich erfolgreicher Footballspieler. In den 1980er-Jahren versuchte Trump mit der „United States Football League“ dem Platzhirsch „National Football League“ (NFL) Paroli zu bieten. Walker spielte damals für Trumps „New Jersey Generals“.

Die Sache ging, wie so oft bei Trump, schief. Was aber blieb, war „The Donalds“ seltsame Bewunderung für den bulligen Afroamerikaner Walker. Selbst in seine TV-Scharfrichter-Show „The Apprentice“ lud er ihn später ein. Dort fiel der legendäre Satz: „Ich bin nicht schwul, und ich liebe dich, Herschel.“

Im Frühsommer warf sich Trump in seiner angemaßten Rolle als Königsmacher der Republikaner hinter den aus Georgia stammenden, aber hauptsächlich in Texas residierenden Walker. Er sorgte gegen den Rat etablierter Parteikreise dafür, dass dieser völlig unpolitische Mann, der sich selber als „nicht sonderlich schlau“ bezeichnet und unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung leidet – Walker berichtete selbst in einem Buch darüber –, Kandidat für den Kongress von Washington wurde. Seither geht es bergab.

Herschel Walkers Wahlkampf, der am 8. November in einer Pattsituation endete und deshalb die morgige Nachwahl nötig machte, war eine Pannenserie auf zwei Beinen.


Bei Walkers Liveauftritten empfinden selbst Republikaner regelmäßig Fremdscham


Mal log er einen Uni-Abschluss herbei. Oder eine Tätigkeit als FBI-Agent. Außerdem rühmte er sich als Verteidiger des ungeborenen Lebens. Doch dann musste er nicht nur drei außereheliche Kinder von drei verschiedenen Müttern eingestehen, sondern auch dem gut belegten Vorwurf begegnen, er habe zwei Verflossenen Abtreibungen bezahlt.

Bei Walkers Liveauftritten empfinden selbst Republikaner regelmäßig Fremdscham. Der Mann redet in Phrasen wie „Ich bin ein Gotteskrieger.“ Vor Journalisten und deren Nachfragen lässt er sich abschirmen.

Kürzlich parlierte Walker über die Vorzüge von Werwölfen gegenüber Vampiren und bekannte: „Ich will ein Werwolf sein.“ Hallo? Altpräsident Barack Obama, der für Walkers Konkurrenten, den demokratischen Baptisten-Pfarrer Raphael Warnock die Trommel schlägt, spießte die bizarre Passage auf: Er, Obama, habe sich ebenfalls mit Vampiren und Werwölfen beschäftigt – als Siebenjähriger.

Liebe Leute in Georgia, seid ihr noch ganz bei Trost?

Mit anderen Worten: Liebe Leute in Georgia, seid ihr noch ganz bei Trost, einen solchen Heiopei zu wählen?

In den republikanisch-tiefroten länd­lichen Bezirken im Norden Georgias, wo man wie weiland in den 80er-Jahren bei der Ruhrgebiets-SPD auch einen rot lackierten Besenstiel nominieren könnte, verfängt die Warnung nicht. Walker liegt in den Umfragen nur zwei bis drei Prozentpunkte hinter Warnock. Er kann gewinnen.

Der in der Atlanta-Kirche von Bürgerrechts-Ikone Dr. Martin Luther King praktizierende Pfarrer hält Walkers infantilen Aussetzern Ernsthaftes entgegen. Gewinnt Warnock und kommen die Demokraten im Washingtoner Senat so auf 51 Sitze (statt bisher 50), hat Präsident Joe Biden mehr Beinfreiheit, um die unsicheren Kantonisten in den eigenen Reihen, etwa Senator Joe Manchin aus West-Virginia, zu neutralisieren.

US-Präsident Biden hofft auf Mehrheit der Demokraten im Senat

Auch wird die Arbeit für die Demokraten leichter, weil sie dann die Ausschüsse, in denen zentrale Personalien in der Regierung wie an Bundesgerichten geregelt werden, nicht mehr paritätisch besetzen müssen; das Störpotenzial der Republikaner nähme drastisch ab. Und Vizepräsidenten Kamala Harris müsste nicht wie bisher bei 50:50-Stimmen das Zünglein an der Waage spielen.

Obwohl so viel auf dem Spiel steht, hält sich einer auffallend aus der Schlussphase des Zwei-Personen-Wahlkampfes heraus, in den insgesamt 200 Millionen Dollar geflossen sein dürften: Donald Trump. Der frühere Präsident, der in Georgia seit 2020 mit seinen Wahlbetrugslügen viel verbrannte Erde hinterließ, hat dem Vernehmen nach jetzt doch große Sorge, dass Herschel Walkers Image als politischer Dünnbrettbohrer am Ende auch auf ihn abfärben könnte.

Tja, und wer führt dann die Hunde aus?

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