Meinung
Gastbeitrag

Abschiedsfeier via Zoom? Die vergessene Trauer

| Lesedauer: 4 Minuten
Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Uni Tübingen.

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Uni Tübingen.

Foto: Bernhard Pörksen

Die Pandemie hat Existenzen und Einkommen vernichtet, aber es fehlt ein Gespür für weniger eindeutige Verluste.

Tübingen. Kürzlich fand sich im Lokal-Blättchen einer kleinen Gemeinde, nicht weit von Tübingen entfernt, eine Todesanzeige eigener Art, berührend und verstörend zugleich. Man trauere um den Verstorbenen, so hieß es hier. Und wolle sich nun gemeinsam seiner erinnern. Alle seien herzlich zur Abschiedsfeier eingeladen. Allerdings gab es keinen Hinweis auf einen konkreten Ort oder ein Begräbnis, keine Adresse eines Friedhofs, absolut nichts. Nur eine Zoom-Meeting-ID und einen Kenncode für die virtuelle Begegnung an einem Nachmittag im September.

Die allumfassende Digitalisierung bringt viele Fragen auf

Der Bildschirm, das iPad, der eigene Rechner – all das verwandelt sich hier in etwas, was die Internetsoziologin Sherry Turkle ein evokatives Objekt nennt. Sie meint mit diesem Ausdruck Objekte, die große, schwere Fragen hervorbringen, Fragen, die von der Realität des Virtuellen und der Natur der Intimität handeln. Diese Fragen lauten zum Beispiel: Was fehlt, wenn Beerdigungen gestreamt werden, man sich nur am Bildschirm sieht? Und man letzte Worte und Wünsche nur über Facetime austauscht?

Vor einiger Zeit erzählte mir einer der Begründer der amerikanischen Hospizbewegung, Frank Osta­seski, eine Geschichte. Ostaseski hatte als Gründer eines Hospizes in San Francisco mehrere Tausend Menschen bis zum Ende begleitet. Und er hatte die Corona-Pandemie, inzwischen selbst ein alter Mann, halb blind und gebeutelt von mehreren Schlaganfällen, wesentlich vor dem Bildschirm sitzend erlebt, Vorträge gehalten und versucht, Menschen durch seine Erfahrung zu unterstützen.

Eines Tages, so berichtete er, habe eine Frau seinen Rat gesucht, die die letzten Atemzüge ihres Vaters auf dem iPad erlebt hatte, getrieben von dem verzweifelten Versuch, ihm, der in einem anderen Land und halb bewusstlos im Krankenhaus lag, noch einen Kuss zu geben, ihm also, die Lippen auf den Bildschirm gepresst, noch irgendwie nahe zu sein. In diesem Moment sei der Vater dann gestorben. Die Folge: ein diffuser, seltsam uneindeutiger Schmerz, mit ausgelöst durch eine virtuell nicht vollständig einlösbare Erfahrung und den eben nicht wirklich geglückten Abschied.

Die Zwitter-Natur der digitalen Medien

An diesem Beispiel wird zum einen das Doppelgesicht digitaler Medien offenbar, ihre Zwitter-Natur. Digitale Medien bieten wunderbare Möglichkeiten, über Zeit- und Raumgrenzen hinweg Kontakte zu pflegen und sich auszutauschen. Sie engen jedoch das Spektrum der menschlichen Erfahrungen unvermeidlich ein. Und erzeugen eine seltsam paradoxe Fern-Nähe ohne körperliche Berührung und eben auch ohne die plötzliche, überraschende Tiefe, die vielleicht nur face to face möglich ist und die ein Abschied eigentlich braucht.

Zum anderen wird klar, dass ganze Gesellschaften, wie die Psychologin Pauline Boss in ihrem aktuellen Buch „The Myth of Closure“ (2022) diagnostiziert, mit einer Fülle uneindeutiger, schwer quantifizierbarer Verluste konfrontiert sind, die diese Pandemie im Verbund mit den unbedingt notwendigen Schutzmaßnahmen und den unvermeidlichen Reise- und Kontaktbeschränkungen verursacht hat. Diese Verluste sind nicht leicht zu beschreiben. Sie tauchen in den offiziellen Defizit- und Schadensbilanzen der vergangenen drei Jahre nicht auf.

Echte, körperliche Nähe ist nicht ersetzbar

Und es fehlt, zumal im öffentlichen Raum, eine Sprache, die sie jenseits von Gefühlskitsch und Sonntagspredigt überhaupt entzifferbar und besprechbar machen könnte. Aber sie sind doch da. Und sie münden, eben aufgrund ihres schwerfasslichen, diffusen Charakters, in eine zweite, eine vergessene Trauer, die bleibt, weil sich ein Abschied nicht nachholen lässt.

Es wäre im Duktus dieses kleinen Essays ganz leicht, mit ein paar Forderungen zu schließen, die vermeintlich sofortige Besserung verheißen. Man könnte beispielsweise kollektive Rituale des Erinnerns fordern, eine öffentliche Debatte verlangen, vielleicht eine politische Rede anmahnen, die für die Sichtbarmachung diffuser Schmerzerfahrungen plädiert. Aber dies wäre zu einfach. Vielleicht besteht der entscheidende Schritt schlicht darin, anzuerkennen, dass es die uneindeutigen Verluste und die vergessene Trauer überhaupt gibt.

Das jüngste Buch von Bernhard Pörksen: „Die Kunst des Miteinander-Redens“ (gemeinsam mit dem Hamburger Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun)

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