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WM in Katar: Den Sport nicht überpolitisieren

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Björn Jensen
Björn Jensen ist Sportreporter beim Abendblatt.

Björn Jensen ist Sportreporter beim Abendblatt.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Sport war schon immer politisch. Aber bei der Fußball-WM in Katar wird er überpolitisiert. Dadurch verlieren wir langfristig alle.

Es stand zu befürchten, dass diese Fußball-WM eine Zeitenwende einläuten könnte. Zu umstritten war die Vergabe an Katar, zu offensichtlich waren die obszönen Begleitumstände einer vom Kommerz getriebenen und aus gesellschafts- sowie klimapolitischer Sicht kaum vertretbaren Entscheidung des Weltverbands Fifa, als dass man sich unbelastet auf die globale Messe des weltweit populärsten Sports hätte freuen können.

Doch die Eskalationen der vergangenen Tage sind viel schlimmer als alles Befürchtete und geben Anlass zu großer Sorge, was die Zukunft der Rolle des Sports im Allgemeinen betrifft. Und daran tragen keinesfalls nur die Fifa oder das Gastgeberland die Schuld.

Einstehen gegen Diskriminierung ist auch bei der WM richtig

Sport war immer schon politisch; wer das zu negieren versucht, findet als Gegenbeweis diverse geschichtsträchtige Momente. Aber Sport ist eben keine Politik, und deshalb ist die Überpolitisierung dieser Fußball-WM, die in diesen Tagen, angetrieben von einigen westeuropäischen Nationen, stattfindet, nicht nur fragwürdig, sondern auch gefährlich.

Um es deutlich zu sagen: Das Einstehen gegen Diskriminierung und für Menschenrechte – und genau das war die Idee hinter der „One Love“-Armbinde – ist richtig, an jedem Ort und zu jeder Zeit. Was jedoch befremdet, ist die arrogante, oberlehrerhafte Art, mit der in vorderster Front auch viele Deutsche versuchen, ihre Lebensweise anderen Menschen vorschreiben zu wollen.

Die Doppelmoral in Deutschland macht die Lage gefährlich

Woraus leitet man das Recht ab, aus unserer westlichen Sicht rückständigen Kulturen im Rahmen einer Fußball-WM vorhalten zu müssen, was bei ihnen alles falsch läuft? Wie kann es sein, dass ein Land, das 1500 Polizisten braucht, um ein Fußball-Stadtderby abzusichern, in dessen Stadien es vor wenigen Jahren noch gang und gäbe war, den Gegner als „schwul“ zu schmähen und in dem Frauen 1974, als man als Gastgeber Fußball-Weltmeister wurde, eine Arbeitserlaubnis ihres Ehemannes brauchten, einem anderen Land Belehrungen in Sachen Menschenrechte erteilt?

Genau diese Doppelmoral ist das Problem. Da werden die deutschen Nationalspieler als Feiglinge beschimpft, weil sie angesichts nicht abschätzbarer Konsequenzen seitens der Fifa nicht bereit waren, ihren beruflichen Lebenstraum für ein Zeichen zu riskieren, das eine Gruppe von Bessermenschen aus der sicheren Heimat von ihnen erwartete.

Wirtschaftsminister Habeck trug in Katar keine "One Love"-Armbinde

Hat man je einen deutschen Wirtschaftsboss mit Regenbogenkrawatte in Katar gesehen? Hat unser Wirtschaftsminister die „One Love“-Binde am Arm getragen, als er sich vor seinem katarischen Amtskollegen verbeugte, um den Gasdeal zu sichern?

Von Sportlerinnen und Sportlern die Zeichen zu erwarten, die Politik setzen müsste und zu selten setzt, ist vor allem deshalb falsch, weil wir Gefahr laufen, dadurch das wichtigste Zeichen zu opfern, das der Sport senden kann. Er ist die letzte Bastion, um die Weltgemeinschaft zusammenzuführen. Globale Events wie Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften vermögen es, Menschen unterschiedlichster Kulturen hinter einer Sache zu vereinen. Unter Regeln, die für alle gelten.

Europäische Nationen sollten Gegenkandidaten zu Fifa-Präsident Infantino aufstellen

Dass nun einige westeuropäische Verbände den Austritt aus der Fifa erwägen, muss deshalb als Alarmsignal gewertet werden. Natürlich ist aus unserer Sicht ein Weltverband unter Führung von Giovanni Infantino nicht mehr tragbar. In weiten Teilen der Welt – das zeigen Interesse an dieser WM und die Zustimmung für den Präsidenten – sieht man das anders.

Da hilft es nicht, sich beleidigt in den Schmollwinkel zu verziehen und nicht mehr mitspielen zu wollen, sondern es braucht einen Gegenkandidaten oder, besser noch, eine Gegenkandidatin, der oder die die Fußballwelt mit einem besseren Angebot überzeugt. Alles andere hieße, die Globalisierung zurückdrehen zu wollen, auf Separatismus zu setzen, sich sportlichem Wettbewerb zu entziehen.

Sport ist ein verbindendes Element, kein trennendes

Überzeugen statt überrumpeln. Gemeinsamkeiten suchen, anstatt andauernd das Trennende zu betonen. Und den Sport das sein lassen, was er sein sollte – ein Kraft spendendes, Menschen verbindendes Element, das diese Welt als Kontrapunkt zu all ihren Krisen so dringend braucht –, das sollten die Gebote der Stunde sein. Denn wenn er diese Kraft verliert, dann haben wir alle verloren.

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