Meinung
Post aus Washington

Warum Trump wirklich ins Weiße Haus wollte

| Lesedauer: 4 Minuten
Dirk Hautkapp ist Korrespondent des Hamburger Abendblatts in Washington.

Dirk Hautkapp ist Korrespondent des Hamburger Abendblatts in Washington.

Foto: HA

Eine „New York Times“-Journalistin, die er seine „Lieblingspsychiaterin“ nennt, legt ein aufsehenerregendes Buch vor.

Washington. Kennen Sie Maggie Haberman? Wenn nicht, unbedingt ihr neues Buch zur Hand nehmen. Es gibt im US-Journalismus niemanden, der lange vor, während und nach der Präsidentschaft Donald Trumps so hartnäckig an der teflonbeschichteten Fassade des Geschäftsmannes gekratzt hat, der die Welt bis heute im Erregungs­zustand hält.

Haberman, wie Trump in New York aufgewachsen, Tochter eines berühmten Journalisten der „New York Times“, hat sich mit ihren von Wo-hat-sie-das-nun-wieder-her-Kopfschütteln begleiteten Scoops, die zeitweise täglich die Trump-Nachrichten-Zyklen bestimmten, ein globales Alleinstellungsmerkmal erarbeitet. Was auch auf ihre frisch erschienene Biografie über den Mann zutrifft, den republikanische Parteifreunde in Anspielung auf Haartönung und Erlöser-Attitude sarkastisch „Orange Jesus“ nennen.

Maggie Haberman durchleuchtet Trumps Werdegang

„Confidence Man“, in der deutschen Fassung etwas irreführend „Täuschung“ betitelt, sticht aus dem Meer von Denkschriften über Trump nicht wegen einer Fülle bizarrer Anekdoten über den narzisstischen Rechtspopulisten heraus, der Ex-Kanzlerin Angela Merkel einmal intern „diese bitch“ rief. Haberman erklärt das Phänomen T. von seiner Herkunft her. Sie beschreibt auf den ersten 350 von rund 800 Seiten minutiös, in welch speziellem Biotop die Marke Trump gedeihen konnte: in der halb kriminellen, korrupten, vorlauten Immobilien-Spekulanten-Welt von New York City, wo der Himmel die (bautechnischen) Grenzen setzt und die Egos XXL-Format haben.

Hier, schreibt die 48-Jährige, entstand seine Verachtung für Recht und Gesetz. Hier übte er die permanente Abwehrschlacht gegen Staat und Normen, die heute fast routinemäßig vor dem Obersten Gerichtshof landet. Hier lernte Trump, angeleitet durch einen unbarmherzigen Vater, den er zugleich fürchtete und anhimmelte, den Einsatz von teuren Anwälten, um die eigene Haut zu retten. Hier kultivierte er seine Hybris und das Wechselspiel von fürsorglicher Hilfe für nützliche Wegbegleiter und eiskalter Dominanz gegenüber Abtrünnigen, das Dutzende Mitarbeiter im Weißen Haus verschliss.

Trump gewährte Haberman drei lange Interviews

Erzählen und anfassbar machen konnte diese Geschichte nur Maggie Haberman. Schon vor 20 Jahren, damals noch bei der rechtslastigen „New York Post“, begleitete sie Trump, der ihr regelmäßig süffige Infos steckte und um ihr Urteil bat. Als Trump 2011 zum ersten Mal (aus rassistisch grundierter Abneigung Barack Obama gegenüber) halb laut über eine Präsidentschaftskandidatur nachdachte, war Haberman eine der ganz wenigen, die ihn für voll nahmen. Sie wusste um die Wirkungsmacht seiner TV-Caligula-Rolle in der Show „The Apprentice“, aus der noch heute Millionen Amerikaner ableiten, Donald Trump gut zu kennen.

Mit diesem Wissensvorsprung war Maggie Haberman prädestiniert, von 2015 an für die „New York Times“ in die Rolle der Chef-Erklärerin hineinzuwachsen. Via Haberman suchte Trump, der ihr für das Buch drei lange Interviews gewährte, die Anerkennung der für die Eliten tonangebenden Zeitung. Weil sie ihm regelmäßig verwehrt wird, kommt es nach jedem Scoop zu einem putzigen Ritual. Trump kanzelt die Frau, die er insgeheim bewundert, als drittklassige Reporterin ab, „mit der ich nicht rede“.

Jeder weiß: Er lügt. Haberman sei so etwas wie seine Lieblingspsychiaterin, sagte er Vertrauten.

Wichtigste Erkenntnis des Buches: Trumps Motivation, Präsident zu werden

Für die Story ihres Lebens zahlt Maggie Haberman einen Preis, den mutmaßlich auch kein Pulitzer aufwiegt. 18-Stunden-Tage – oft mit TV--Auftritten – sind für sie Normalzustand. Ihre drei Kinder, die wie die ganze Familie in New York stationiert sind, sieht sie wegen des Pendelverkehrs nach Washington nur selten.

Die wichtigste Erkenntnis des Buches kommt beiläufig daher. Trumps Motivation, Präsident werden zu wollen, hatte nichts mit Politik, Ideologie oder dem Drang nach Weltverbesserung zu tun. Sondern allein mit Geltungssucht. „Ich kenne viele reiche Männer, die niemand kennt“, diktierte Trump seiner Lieblings-chronistin in den Block. Ein seltener Moment der Ehrlichkeit.

Amerika weiß nun noch besser, was 2024 auf dem Spiel steht.

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