Meinung
Merkwürdige Zeiten

Meine Lust auf Pfeil und Bogen, die Silberbüchse …

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Der Wahlhamburger Arno Luik war Autor beim „Stern“ und Chefredakteur der „taz“.

Der Wahlhamburger Arno Luik war Autor beim „Stern“ und Chefredakteur der „taz“.

Foto: Andreas Herzau

… lehrten mich, Gewalt zu verachten und Albträume zu bekommen, wenn manche Politiker Englisch sprechen.

Hamburg. In diesen Tagen – Ukrainekrieg, Baerbock, Winnetou – fällt es mir schwer, unbeschwert zu lachen. Neulich auf der Autobahn ein kilometerlanger Militärkonvoi, zuletzt sah ich so etwas in den ­60er-, 70er-Jahren, damals machte es mich wütend – und nicht nur mich. Hunderttausende demonstrierten gegen Aufrüstung und Nato. Und aus dieser friedensbewegten Stimmung heraus bildeten sich die Grünen. Ist lange her.

Und heute? Heute bekomme ich Albträume, wenn ich an die Grünen denke, etwa neulich: An der Spitze eines Militäraufzugs mit Leopard-Panzern im offenen Kübelwagen Anton Hofreiter – auf dem Weg von Nürnberg nach Odessa. Ja, jener Hofreiter, der ohne Luft zu holen unzählige Namen von Kriegsgerät runterrasseln kann, so wie er vor Kurzem noch die Namen von bedrohten Tierarten aufsagen konnte. Hofreiter also, aufrecht in diesem Kübelwagen im Nato-olivgrünen Kampf-Drillich, ohne Stahlhelm, aber mit wehendem blonden Resthaar. Hinten an seinem Auto der Slogan eines ehemaligen US-Verteidigungsministers: „Die Nato – die größte Friedensbewegung aller Zeiten!“

„Es gibt nur Karl May und Hegel"

Es ist ja nicht so, dass ich ein Freund der „Bild“-Zeitung bin, ganz gewiss nicht, aber neulich musste ich sehr lachen. Der Grund war die Schlagzeile: „Jetzt spricht Indianer ,Alter Elch‘!“ Erinnern Sie sich noch an die schräge Debatte um den Ravensburger-Verlag, der zwei Bücher zum Film „Der junge Häuptling Winnetou“ aus dem Programm nahm, nachdem ihm Rassismus vorgeworfen worden war? Man sei, so der Verlag, zur Einsicht gelangt, „dass angesichts (…) der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung hier ein romantisierendes Bild mit vielen Klischees gezeichnet wird“.

Ein Kotau, weil ein Kinderbuch etwas romantisiert? Mit dieser Begründung müssten fast alle Liebesfilme, große Teile der Weltliteratur weggesperrt, das Fernsehen abgeschaltet werden. Ohne Karl May, so hat es mal der Befreiungstheologe Ernesto Cardenal gesagt, wäre er nie zu diesem Menschenfreund geworden. Und Ernst Bloch, ach, den kennen vermutlich jene nicht, die sich über Karl May ereifern, Bloch, marxistischer Philosoph, hat seine May-Verehrung so zusammengefasst: „Es gibt nur Karl May und Hegel – alles dazwischen ist eine unreine Mischung.“

Waffen und Gewalt verachtet

Was der Alte Elch nun bei „Bild“ sagte, weiß ich nicht. Ich habe mir nur die Schlagzeile angeschaut; er wird schon die Wahrheit gesagt haben, hugh, denn ich kenne meine Indianer, ah, halt stopp, meine I… indigenen Völker genau: Ohne May, persönlicher Blick zurück, wäre meine Kindheit langweiliger gewesen. Ich komme aus einer Gegend mit Wäldern, Bächen, Seen, Felsen, eine Karl-May-Fantasielandschaft, und wir Kinder spielten dort seine Bücher nach: Ich, obwohl klein, war Old Shatterhand, mein Freund, weil er schwarzes Haar hatte, Winnetou; wir bastelten uns Pfeil und Bogen, versuchten, was nie gelang, Vögel abzuschießen, wir fesselten einen bösen Kiowa-Indianer an den Marterpfahl, wir sehnten uns nach Pistolen und Tomahawks, nach Winnetous Silberbüchse, Old Shatterhands Henrystutzen, wir machten uns auf den Kriegspfad, aber heute verachte ich Waffen und Gewalt und ... damit sind wir bei Annalena Baerbock.

Sie hat vermutlich nie Karl May gelesen. Ihre Kinder sicherlich auch nicht, auch nicht Struwwelpeter, aber das führt ins Abseits. Jedenfalls gab es vor Kurzem eine ziemliche Aufregung um sie, weil sie in Prag wieder mal so Baerbocksätze rausgehauen hat: „Aber wenn ich den Menschen in der Ukraine zugleich das Versprechen gegeben habe: Wir stehen an eurer Seite, solange ihr uns braucht – dann möchte ich es einlösen, egal was meine deutschen Wähler denken.“

Baerbock trägt ihre Sätze auf Englisch vor

Hochnäsig mögen diese Worte sein, Wähler-verachtend. Doch vielsagender ist die abfällige Handbewegung, die diese Worte begleiten. Da steckt die Hybris einer Politikerin drin, die viele Bürger erzürnt, Nahrung für Politikverdrossenheit ist. Die vielen, die Baerbock auch medial nun verteidigen, sollten sich diese Szene angucken. Erträglich wird das fast Unerträgliche nur, weil Baerbock ihre Sätze auf Englisch vorträgt. Verblüffend unbeholfenes Englisch. Klingt fast so drollig wie das Stammel-Englisch des EU-Kommissars Günther Oettinger. Auch sein Englisch verstand nur, wer Deutsch als Muttersprache hatte. Ssänk ju.

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