Meinung
Gastbeitrag

Natur in Kriegszeiten: Für Artenvielfalt wird es eng

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Malte Siegert ist Vorsitzender des          Nabu-Landesverbands in Hamburg.

Malte Siegert ist Vorsitzender des Nabu-Landesverbands in Hamburg.

Foto: Roland Magunia

Hamburgs Nabu-Chef über Möglichkeiten, die Umwelt der Hansestadt auch in der Krise besser zu schützen.

Hamburg. Auf einer Veranstaltung des Nordddeutschen Reallabors, die kürzlich in der Hamburger Handelskammer stattfand, wurde der grüne Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck von den rund 150 Vertretern und Vertreterinnen der Hamburger Wirtschaft frenetisch gefeiert. Der ministerielle Macher mit dem losen Mundwerk begeistert offenbar nicht nur grüne Anhänger. Gefeiert wird Habeck, weil er angesichts der Klimakrise und der durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ausgelösten Bedrohung der energetischen Versorgungssicherheit Fakten schafft.

Geschickt deklariert Habeck dabei Klimaschutz-Maßnahmen sowie die der Versorgungssicherheit dienenden proaktiv als „patriotisch“, etikettiert Projekte als „herausragendes öffentliches Interesse“. So droht schnell der am Pranger zu stehen, der vorsichtige Kritik über Art und Umfang äußert. Ob bei Windenergieanlagen – an Land (auch in Landschaftsschutzgebieten) und zur See (u. a. im vogelreichen Wattenmeer), beim Fotovoltaikausbau (PV) im Grünland, der Planungsbeschleunigung mit Beschränkung von Umweltverbandsrechten, den bis 2043 gesetzlich begünstigten Importen von extrem klimaschädlichem Flüssiggas (LNG) oder der Verlängerung der Laufzeit von Kohle- oder sogar Atomkraftwerken. Denn niemand will sich den Vorwurf machen lassen, in Zeiten des Krieges unpa­triotisch zu sein. Ich eigentlich auch nicht.

Doch bei allem Verständnis für Zwänge darf die Schraube nicht überdreht, müssen die Zumutungen fair verteilt werden. Es wäre absurd, den Reparaturbetrieb der negativen klimatischen Folgen der ungehemmten industriellen Revolution, der energiepolitischen Versäumnisse der jüngeren Geschichte sowie der aktuellen Kriegsereignisse erneut vornehmlich auf Kosten von Natur und Umwelt zu organisieren. Deswegen müssen alle Möglich­keiten auf den Tisch und Widersprüche benannt werden.

Beispiel Denkmalschutz: Die starre Handhabung blockiert energetische Sanierung von Gebäuden und Dachflächen. Überhaupt Dächer. Das Potenzial allein der Hamburger Behördendächer ist gigantisch, aber so gut wie ungenutzt. Einfacher scheint, wertvolles Grünland mit Freiflächen-PV-Anlagen zuzupflastern.

Beispiel Wasserstoff: Um Moorburg soll grüner Wasserstoff hergestellt werden. Auch die Hohe Schaar mit kostbarer Kaikante eignet sich hervorragend für die Wasserstoffwirtschaft. Aber: die vor 20 Jahren geplante A 26 Ost zerschneidet zukünftig das Gebiet und entwertete es für eine großflächige Entwicklung dieser wichtigen Zukunftstechnologie.

Beispiel Verkehr: Für neue Fernstraßen werden, auch in Hamburg, mit maximalem finanziellen Aufwand, riesige kohlenstoffbindende Moorflächen, Lebens­räume und Arten zerstört, während gleichzeitig teure Programme zur Wiedervernässung von Moorflächen mit dem Ziel aufgelegt werden, um Kohlenstoff zu speichern und Artenvielfalt zu erhalten.

Beispiel Hafen: Dass zur Verschiffung bereitstehende Fahrzeuge großflächig nebeneinander geparkt werden, statt die versiegelte Industriefläche nicht mindestens auch für PV-Anlagen zu nutzen, zeigt, wie mit wertvoller Fläche geaast wird. Gleichzeitig soll jedoch Naturfläche für Hafenerweiterung in Anspruch genommen werden. Beispiele gibt es viele.

Totalversagen der schwarz-roten Vorgängerregierung

Tragisch ist, dass das Totalversagen vor allem der schwarz-roten Vorgängerregierungen, eine umwelt- und sozialverträgliche energiepolitische Transformation der Gesellschaft rechtzeitig und vorausschauend zu organisieren, den grünen Minister in Kriegszeiten zu zwingen scheint, die Brechstange zu benutzen.

Dass, wie seinerzeit bei Schröders Agenda 2010, erhebliche Kollateralschäden im Kernbereich des eigenen Selbstverständnisses entstehen, nimmt Habeck in Kauf. Diese Verantwortung unterscheidet ihn von Ministerkollegen, die weiterhin lieber die Sehnsüchte ihrer Klientel bedienen (u. a. Fernstraßenausbau, Tempolimit-Verweigerung, Dienstwagenprivileg), statt angesichts der proklamierten „Zeitenwende“ angemessen umzusteuern. Wenn radikal, dann überall, bitte schön.

Auf Seite 36 des Ampel-Koalitionsvertrages heißt es pathetisch: „Der Erhalt der Artenvielfalt ist eine Menschheitsaufgabe und eine ethische Verpflichtung“. Dem eigenen Anspruch gerecht zu werden scheint gegenwärtig ausgeschlossen. Für die Artenvielfalt wird es deswegen eng.

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