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Wen interessiert noch die Champions League?

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Abendblatt Sportredakteur Henrik Jacobs

Abendblatt Sportredakteur Henrik Jacobs

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Beim Auftakt der Königsklasse war zwar nicht alles schlecht – doch die schlimmste Zeit kommt erst noch.

Hamburg. Lars Ricken wusste wahrscheinlich gar nicht, wovon er da sprach. 21 Jahre war der Stürmer von Borussia Dortmund im Jahr 1997 gerade alt, als er sich in einem Werbeclip für Nike zu folgenden Sätzen hinreißen ließ. „Ich sehe VIP-Logen, wo früher Stehplätze waren. Ich sehe Vereine, die teure Profis kaufen, statt den Nachwuchs zu fördern. Ich sehe Typen in Nadelstreifen und Geschäftemacherei ohne Ende“, sagte Ricken, der wenige Wochen zuvor mit einem Traumtor 16 Sekunden nach seiner Einwechslung für das entscheidende 3:1 im Finale gegen Titelverteidiger Juventus Turin gesorgt hatte.

25 Jahre ist dieser Moment mittlerweile her. Es war das letzte Finale der Champions League, die ihren Namen noch verdiente und ausschließlich aus Champions bestand. Lars Ricken in einem Nike-Spot war vermutlich der denkbar schlechteste Absender der romantischen Botschaften – inhaltlich aber stimmten seine Worte. Die Geschäftemacherei ging munter weiter. Und findet noch immer kein Ende.

Fünf deutsche Mannschaften nehmen teil

1997 wurde der Wettbewerb zunächst von 16 auf 24 Mannschaften aufgestockt, nur zwei weitere Jahre später waren es schon 32 Teilnehmer. In dieser Woche nahmen zum Start der neuen Champions-League-Saison erstmals in der Geschichte der Königsklasse fünf deutsche Mannschaften teil. Ein Traum für die Fans von Europa-League-Sieger Eintracht Frankfurt, ein Albtraum für die Erfinder der Wettbewerbsidee im Jahre 1955.

Eine Rückkehr zum alten Modell des Landesmeister-Cups ist aktuell so wahrscheinlich wie ein deutscher Meister, der nicht Bayern München heißt. Im Gegenteil: Während sich die Welt vor einem Jahr erfolgreich über die Pläne zur neuen Super League echauffierte, verabschiedete die Uefa im Schatten der Empörungswelle mal eben eine Reform der Champ­ions League. Von 2024 an spielen dann 36 statt 32 Mannschaften mit. Die gute Nachricht: Die aufgeblähte Gruppenphase ist dann Geschichte. Die schlechte: Statt 125 Spielen bis zum Achtelfinale wird es dann 225 geben – in einer Gruppe. Was für ein Wahnsinn.

Ein paar interessante Spiele waren dabei

Mal ehrlich: Wen interessiert die Gruppenphase der Champ­ions League noch wirklich? Zugegeben, ein paar interessante Spiele scheinen es ja gewesen zu sein in dieser Woche. Der SSC Neapel hat Jürgen Klopps FC Liverpool mit 4:1 besiegt. Dinamo Zagreb schlug den FC Chelsea mit 1:0 und sorgte damit für die Entlassung von Thomas Tuchel. Ich habe von den Spielen aber nichts gesehen. Weil ich nicht einmal mehr weiß, wer die Spiele aktuell überträgt. DAZN? Amazon Prime? Netflix? Das TV-Geld muss halt fließen.

Gerade einmal zwei Jahre ist es her, dass der langjährige Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge zu Beginn der Corona-Pandemie zu Demut aufrief. „Wenn diese Krise vorbei ist, sind wir verpflichtet, uns damit seriös auseinanderzusetzen, dass man gewisse Dinge mit Augenmaß wieder zurückdreht“, sagte er.

Fußball könnte sich Beispiel am Tennis nehmen

In diesem Sommer leistete sich der FC Bayern mit Matthijs de Ligt (67 Millionen Euro) den zweitteuersten Transfer der Clubgeschichte, dazu noch Sadio Mané (32 Mio.). Manchester United gönnte sich Rechtsaußen Antony für schlappe 95 Millionen Euro. Nun wurde zudem das Jahresgehalt von Kylian Mbappé bekannt: 84 Millionen Euro. Dagegen ist das garantierte Startgeld des FC Bayern von 50 Millionen Euro in der Champions League ja fast schon Kleingeld. Das muss dieses Augenmaß sein, von dem Rummenigge erzählte.

Ist der Fußball noch zu retten? Vielleicht könnte er sich einfach ein Beispiel am Tennis nehmen. Das berühmte Wim­bledon-Turnier wird seit jeher im selben Modus ausgetragen. Und hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren. Die Spieler kriegen sogar trotzdem noch genug Geld, um ihre Miete zu bezahlen.

Stehplätze bei der Champ­ions League zurück

Tatsächlich hatte der Start der Champ­ions League aber auch eine Neuerung, die nicht nur Lars Ricken gefällt: Erstmals seit 25 Jahren sind die Stehplätze zurück. Vorerst zur Probe. Ricken selbst dürfte (auf einem Sitzplatz) dabei gewesen sein, als Dortmund vor der Rekordkulisse von 70.700 Zuschauern mit 3:0 den FC Kopenhagen besiegte. Der heutige Nachwuchschef hätte seine Worte von 1997 wiederholen können: „Und dann sehe ich, was mir wirklich wichtig ist.“

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