Meinung
Dohnanyi am Freitag

Krieg in der Ukraine – wo ist Europas Einheit?

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Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Sven Simon/Andreas Laible / imago/HA

Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi im Gespräch mit Abendblatt-Vize Matthias Iken. Heute über Wege zum Frieden in der Ukraine.

Iken: Der Krieg in der Ukraine währt nun schon ein halbes Jahr. Müssen wir uns auf einen jahrelangen Waffengang einstellen?

Klaus von Dohnanyi: Vor einiger Zeit sagte Präsident Selenskyj, „dieser“ Krieg müsse vor dem Winter zu Ende gehen. Was hat er gemeint? Verhandlungen? Einen Übergang von frontaler Konfrontation zu Sabotageangriffen? Ich sehe gegenwärtig keine Chance für die Beendigung der Gewalt. Warum? Man muss zurück zum Anlass des Krieges: Russland wollte und will nicht dulden, dass ehemalige Staatsgebiete wie die Ukraine oder Georgien Mitglieder der Nato werden. Die USA wiederum lehnen es ab, über diese Frage auch nur zu verhandeln. Präsident Biden hat auch kaum innenpolitischen Spielraum: Als 2017 Trump „Flexibilität für einen kon­s­truktiven Dialog“ mit Russland gewinnen wollte, blockierte ihn der Senat mit 98:2 Stimmen und weiteren Sanktionen gegen Russland. Und als Selenskyj kürzlich eine Neutralisierung der Ukraine andeutete, schwieg Washington. Es geht in der Ukraine um eine geopolitische Auseinandersetzung zwischen den USA und Russland.

Iken: Wie bewerten Sie die Attacken auf der Krim – hat die Ukraine eine Chance, die Russen von dort zu vertreiben?

Dohnanyi: Es war klar, dass es in den besetzten Gebieten Sabotageakte und guerillakriegsähnliche Zustände geben wird: Die Ukraine war immer ein freiheitsdurstiges Land. Deswegen bleibe ich bei meiner Überzeugung, dass Putin niemals die Absicht hatte, die Ukraine als Ganzes zu unterwerfen, geschweige denn Europa anzugreifen. Sein Kriegsziel war mindestens der Donbass als Pufferzone zur Nato und das Schwarze Meer als russische Einflusszone. Das wird Putin mit allen Mitteln versuchen zu halten, natürlich auch die Krim.

Iken: Mit jedem Monat wächst der Hass. Hat die Diplomatie noch eine Chance?

Dohnanyi: Am Ende wird es nicht ohne Diplomatie gehen. Die USA sind innenpolitisch gefesselt: die Midterm-Wahlen im November. Und am Tag danach beginnt das Rennen um die Präsidentschaft. Es ist Europas Stunde, mit Mut den gordischen Knoten zu zerschlagen, den Weg für Verhandlungen zu öffnen. Doch wo ist Europas Einigkeit, wo seine Einsicht, seine Kraft, sein Mut? Wer souverän sein will, muss bereit sein, souverän zu handeln!

( HA )

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