Meinung
Leitartikel

Kühnes Geld würde dem HSV mehr schaden als helfen

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HSV-Investor Klaus-Michael Kühne will den Club für 120 Millionen Euro faktisch übernehmen.

HSV-Investor Klaus-Michael Kühne will den Club für 120 Millionen Euro faktisch übernehmen.

Foto: Axel Heimken / picture alliance/dpa

Der Investor will im Gegenzug für sein 120-Millionen-Euro-Angebot den Club quasi übernehmen. Mit welchem Recht eigentlich? Ein Kommentar.

Vor rund zehn Monaten hat der bekannte Spielerberater Volker Struth ein Buch veröffentlicht. Ein ganzes Kapitel darin widmete der Mann, der im Alltag sonst mit den Verantwortlichen von Real Madrid oder dem FC Bayern München an einem Tisch sitzt, dem Zweitligisten HSV. In der Zeit, in der Struth im Sommer 2016 gemeinsam mit Investor Klaus-Michael Kühne das Transfergeschehen im Volkspark organisierte, waren die Hamburger allerdings noch Erstligist.

Struth machte in seinem Buch öffentlich, wie sich der HSV in dieser Phase von Kühne und seinem damaligen Berater fremdbestimmen ließ. Der Höhepunkt: Der ehemalige Vorstandsvorsitzende Dietmar Beiersdorfer musste bei einer Sitzung auf Kühnes Yacht vor Mallorca den Raum verlassen, damit Kühne und Struth sich in Ruhe besprechen konnten. Am Ende investierte Kühne in jenem Sommer 33 Millionen Euro für neue Spieler. Das Ergebnis: Der HSV hielt erst am letzten Spieltag die Klasse, ein Jahr später stieg er erstmals in die Zweite Liga ab.

Kühnes Geld würde dem HSV mehr schaden als helfen

Man sollte sich an diese wilde Zeit erinnern, wenn man über den 120-Millionen-Euro-Hilfeplan spricht, den Kühne am Donnerstag per Pressemitteilung veröffentlichte – und damit im Volkspark alle Verantwortlichen überraschte. Ein verlockender Plan, der wie gerufen kommt für den klammen HSV mit all seinen Problemen und Zerwürfnissen auf der Führungsebene. Sanierung des Volksparkstadions, Entschuldung, Investitionen in den Sport, neue Führungsstruktur, dazu noch jährliches Geld für den Namen Uwe-Seeler-Stadion.

Es könnte ein perfekter Plan sein, wenn man wüsste, dass Kühne sich im Hintergrund aufhält, sich aus Entscheidungen heraushält und nicht erneut die Macht erhält. Doch wenn die vergangenen Jahre eines gezeigt haben, dann ist es die Tatsache, dass der 85-Jährige genau das eben nicht tut. Wenn Kühne Geld gibt, will er mitmachen, mitreden, mitbestimmen. Und das schadet dem HSV.

Dass der Club in den vergangenen acht Jahren seit der Ausgliederung so viele Trainer und Funktionäre verschliss, hat nicht nur, aber vor allem auch mit Kühne zu tun, der gerne aus seiner Emotionalität heraus per E-Mails an die HSV-Führung das Ende von Trainern oder Sportchefs forderte.

Kühne könnte wichtige HSV-Entscheidungen blockieren

Man erinnere sich an Bruno Labbadia, der 2016 auf Druck von Kühne nach nur fünf Spieltagen gefeuert wurde. Oder an Bernd Hoffmann, dessen Aus sich Kühne 2020 „erhoffte“, nachdem er ihn zuvor noch als „Hoffnungsträger“ bezeichnete. Zuletzt senkte er bei Vorstand Thomas Wüstefeld seinen Daumen. Was das bedeutet, haben die vergangenen Jahre gezeigt. Kühne bekam seinen Willen beim HSV noch immer durchgesetzt.

Es passt daher zu dem Milliardär, dass er in seinem Zehnpunkteprogramm gleich mehrere Bedingungen stellt. So will er nicht nur seine Anteile auf 39,9 Prozent erhöhen und könnte dann durch eine sogenannte Sperrminorität wichtige AG-Entscheidungen blockieren. Er will mit der Kühne Holding auch genauso wie der HSV e.V., der bei einer Neuordnung der Aktienverteilung dann noch 50,1 Prozent halten würde, gleich zwei von fünf Aufsichtsräten stellen. Mit welchem Recht eigentlich?

Der Kühne-Plan käme einer Übernahme des HSV gleich. Und was eine Übernahme durch einen einzelnen Investor bedeutet, erlebt Hertha BSC seit dem Einstieg von Lars Windhorst. Mit einer 250-Millionen-Euro-Spritze wollte der Unternehmer die Hertha zu einem „Big City Club“ machen und sie innerhalb von kurzer Zeit in die Champions League führen. Während der Stadtrivale Union Berlin durch kontinuierliche Arbeit und kluge Transfers zur neuen Nummer eins in der Hauptstadt wurde, stieg die Hertha beinahe ab und verbrannte nebenbei fast alle Windhorst-Millionen auf dem Transfermarkt.

Die gute Nachricht für alle HSV-Mitglieder: Obwohl sie im Zuge der Ausgliederung den Großteil ihres Mitbestimmungsrechts verloren haben, führt beim Verkauf weiterer Anteile kein Weg an ihnen vorbei. Eine Dreiviertelmehrheit der Stimmen müsste Kühne bei einer Mitgliederversammlung für seinen Plan erhalten. Dass es dazu kommt, erscheint angesichts der Erfahrungen mit dem Investor äußerst unwahrscheinlich. Und das ist auch gut so.

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