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Hamburger Kritiken

Wenn Sanktionen uns härter treffen als Russland

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Matthias Iken
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: HA

Panisch starren wir auf Putins böses Spiel mit unserer Angst. Vor fünf Monaten wollten wir den Gas-Boykott.

Deutschland ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Vielleicht ist sie auch die viertdümmste. Zumindest drängt sich dieser Eindruck auf, wenn man die Energiepolitik der vergangenen Jahre betrachtet – mit wachsendem Eifer sind wir aus Atomenergie, Fracking und Kohle ausgestiegen, haben von Erneuerbaren geredet und auf Gas gesetzt. Dummerweise vor allem auf russisches Gas. Nun stehen wir vor dem Scherbenhaufen, und mit jedem Tag, den der Winter näher rückt, wächst die Angst.

Wladimir Putin, einst KGB-Mann und heute Angriffskrieger, weiß mit dieser Angst zu spielen. Mit immer neuen Ausreden wird an der Gasschraube gedreht – nur ein totaler Stopp ist vorerst nicht zu erwarten. Putin wird sich nicht seines Machtmittels berauben, er wird es variieren, hier die Gasmenge ein bisschen kürzen, dort ein wenig erhöhen, vielleicht eine Wartung einschieben oder auf technische Probleme durch die Sanktionen verweisen. Putin ist ein Meister des Spiels mit der Angst. Und im Angsthaben waren wir Deutschen schon immer Weltmeister.

Raus aus dem Gas, lautete vor wenigen Monaten die Devise

Dabei sollten wir nicht vergessen, was noch vor wenigen Monaten fast Konsens im Land war, zumindest unter Meinungsmachern: Raus aus dem Gas, lautete damals die Devise. Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen etwa, Muttis Klügster, forderte früh ein Öl- und Gasembargo. Die Leopoldina, die schon bei Corona gern knapp danebenlag, befand, ein kurzfristiger Importstopp von russischem Gas und Öl wäre für die deutsche Volkswirtschaft verkraftbar. Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck, eigentlich ein Virtuose des Wortes, brachte es auf die schlichte Zeile: „Wir können auch einmal frieren für die Freiheit!“ 55 Prozent der Bundesbürger wollten mitfrieren, mit heißem Herzen und ausgeschaltetem Verstand.

TV-Satiriker Jan Böhmermann rechnete vor: „Pro Minute importiert die EU russisches Gas im Wert von durchschnittlich 250.000 Euro.“ Und spottete: „Putin wird das Geld sicher gut anlegen.“ Schließlich meinten auch Ökonomen, dass der totale Stopp kein großes Ding sei. Sie berechneten die Kosten eines Embargos Pi mal Daumen auf ein halbes bis drei Prozent der Wirtschaftsleistung, etwa 120 bis 1200 Euro pro Kopf. Das dürften inzwischen allein die explodierenden Energiepreise pro Nase kosten. Und die Wachstumsprognose für Deutschland ist binnen Monaten von 3,8 auf 1,2 Prozent gepurzelt. Immerhin: Die Ampelkoalition hat sich dem Boykott widersetzt.

Nach fünf Monaten Sanktionen fällt die Bilanz bitter aus

Sie hat gut daran getan. Denn nach fünf Monaten der Sanktionen fällt die Bilanz bitter aus. Die Welt ist etwas komplexer, als TV-Kasper glauben machen. Außerhalb des Westens kaufen die Staaten gerne und reichlich Öl und Gas beim Aggressor ein. Sie bekommen es praktischerweise auch noch ermäßigt. Während die Europäer immer mehr bezahlen müssen, sparen Chinesen und Inder beim Kauf in Moskau und machen ihre Industrie wettbewerbsfähig. Und Saudi-Arabien, diese lupenreine Demokratie, hat den Ölimport aus Russland verdoppelt, um das eigene Öl teurer exportieren zu können.

Dank des Preisanstiegs auf den Weltmärkten kann Putin die Lieferausfälle im Westen locker verschmerzen. Auch den Gasmarkt beeinflusst der russische Präsident: Sein Katz-und-Maus-Spiel mit Europa beeinflusst nicht nur den Gaspreis, der auf immer neue Höhen klettert, sondern auch die Aktienbörsen. Nicht ausgeschlossen, dass die Russen mit Wetten auf Kursbewegungen, die sie selbst auslösen, eine Menge Geld verdienen.

Der russische Kriegsherr hat den Spieß umgedreht

Die Sanktionitis der Europäer wird, man muss es so klar sagen, immer mehr zu einem gefährlichen Eigentor. Sie haben Stand jetzt wenig bewirkt: Der Rubel ist heute mehr wert als vor dem Überfall auf die Ukraine, der Gaspreis hat sich verdoppelt, der Ölpreis notiert zehn Prozent höher. Putin wird mit den Energiesanktionen besser leben können als wir.

Der russische Kriegsherr hat den Spieß umgedreht, jetzt muss Europa ökonomisch denken: Wirklich treffen werden wir ihn nur, wenn die Preise fallen. Das geht, indem die Nachfrage sinkt, etwa durch Energieeinsparung und Alternativen zum Gas. Das geht durch einen nationalen Kraftakt beim Ausbau der Erneuerbaren. Und auch wenn es keiner hören mag: Wir müssen neue Quellen in Europa erschließen. Fracking in Niedersachsen wird Putin mehr treffen als jede Drohung aus Berlin. Und ökologischer als Fracking-Gas aus den USA ist es allemal.

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