Meinung
Schumachers Woche

Die Frage, die vor Schlangengift trieft

| Lesedauer: 2 Minuten
Hajo Schumacher
Kolumnist Hajo Schumacher.

Kolumnist Hajo Schumacher.

Foto: © Annette Hauschild / OSTKREUZ - Agentur der Fotografen GmbH

Kolumnist Hajo Schumacher findet: Es kann keine richtige Antwort auf die Frage "Alles gut?" geben. Irgendwer meckere immer.

Hamburg. Alles gut? Nein, nichts ist gut. Ob Supermarkt, Restaurant oder Bahn, überall: Alles gut? Offizielle Antwort: Ja. Ehrliche Antwort: Zieh Leine, du Nervensäge. Du hast nichts vom Leben kapiert.

Alles gut?

Das ist eine als Frage getarnte Behauptung, die keinen Zwischenton erlaubt. Das Problem heißt „alles“. Nie ist alles gut. Einfach in den unteren Rücken spüren. Immer irgendwas.

Die hässlichen Geschwister von „Alles gut“ heißen: ganz ruhig, kein Stress, keine Panik. Kolonialisierende Kommunikation, die nach Kumpel klingt, aber vor Schlangengift trieft. Hier wird unterstellt: Ich bin entspannt, du bist nervös.

Stimmt sogar. Aber erst, seit jemand diesen apokalyptischen Zweiworter abgefeuert hat. Und sonst? Alles gut?

Nein. Wie denn? Oberste Regel für Politik, Kinder und achtsame Paarscharmützel: Verallgemeinerndes immer vermeiden. „Nie bist du pünktlich“, „Immer trägst du diese Goofy-Socken“, „Der Hund verschmäht alles, was du kochst“ – solch schwere Waffen lassen keinen Raum zum Lernen oder Korrigieren.

Wer alles wie immer findet, hat sich und andere aufgegeben. Basta. Wie entspannend wirkt da ein hingetupftes oft, das unterschätzte fast oder ein solides manchmal. Diese Elastikwörter dämpfen das Absolute, wie Gummibälge zwischen Waggons. Wer sich nur fast immer verkocht, dem bleibt Hoffnung.

Generell ist gegen verbfreie Sparkommunikation oft nichts einzuwenden. Die durchoptimierte Universalfrage „Wie
isset?“ etwa öffnet einen Kosmos, ohne die semantische Inflation anzuheizen. Trotz Buchstabenbremse spüren Gefragte ein ehrlich-offenes Interesse, nichts wird unterstellt.

Bereitwillig versenkt man sich prüfend in Seele, Herz und Hirn, spürt dem wilden Cocktail widersprüchlicher Emotionen und ziepender Bandscheiben nach, überlegt, wie man die Komplexität des eigenen Ichs am treffendsten beschreibt, und entscheidet sich schließlich für ein hoch differenzierendes „Muss ja“.

Eine Antwort wie ein gutes Frühstücksbüfett – für alle was dabei. Also fast alle. Irgendwer meckert ja doch immer.

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