Meinung
Dohnanyi am Freitag

Alte Gegensätze brechen auf

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Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Sven Simon/Andreas Laible / imago images/HA

Hamburgs Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi darüber, was die EU jetzt braucht und was sie vor einer Zersplitterung bewahren kann.

Hamburg. Matthias Iken: Schottland will seine Bürger 2023 über ein Ausscheiden aus dem Vereinigten Königreich entscheiden lassen – könnte das der Auftakt zu einem weiteren Verfall von Nationen sein?

Klaus von Dohnanyi: Die Nationen von heute haben sich in der Regel aus dem Drang nach Selbstbestimmung entwickelt; Menschen mit sprachlicher und kultureller Zusammengehörigkeit wollten ihre politische Zukunft gemeinsam gestalten. Manche Nation entstand aber durch Eroberung und Unterwerfung. So erging es Schottland durch England. Eine solche Geschichte hat ein langes Leben; Schottland fühlte sich nie wirklich gleichberechtigt aufgehoben in Großbritannien. Aber London versuchte klug, die Einheit durch schottische Selbstverwaltung (Autonomie) zu erhalten. Ich denke, das wird auch diesmal gelingen. Denn wer das Streben nach regionaler Selbstbestimmung nicht respektiert, der wird zerbrechen. Wäre es nicht auch für Kiew klüger gewesen, die Autonomie-Vorschläge des Minsker Abkommens zu akzeptieren?

Iken: Auf der einen Seite wird die Welt globaler, auf der anderen wächst die Sehnsucht nach kleineren Strukturen. Sind das zwei Seiten einer Medaille?

Dohnanyi: Fortschritte der Kommunikation führen die Welt immer enger zusammen und machen das Schicksal einzelner Nationen zum gemeinsamen Schicksal der Menschheit, siehe Klimawandel oder Pandemie. Aber zugleich spüren die Menschen, dass diese Entwicklungen die Nationen unterschiedlich treffen können: Was im Klimawandel für Norwegen richtig sein mag, das würde für Griechenland nicht passen, wie auch die Energiepolitik für das sonnige Italien kaum für das neblige Irland. Politik bleibt trotz Globalisierung letztlich immer „lokal“. Ja, es sind zwei Seiten einer Medaille.

Iken: Was bedeutet der Trend für die EU?

Dohnanyi: Die Europäische Union ist ein einmaliger Erfolg: 27 Staaten, die über Jahrhunderte blutige Kriege führten, sind heute eine politische und wirtschaftliche Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft entstand im Kalten Krieg. Mit den danach gewonnenen Freiheiten nahm die internationale Verflechtung zu, und so zeigten sich auch wieder alte Gegensätze. Der Fall der Mauer ermöglichte die Mitgliedschaft der Staaten Ost- und Mitteleuropas. Schon im Irak-Krieg spaltete Außenpolitik die Gemeinschaft. Unter dem Druck des Ukraine-Krieges scheinen wir „einiger denn je“, aber der Schein trügt: Die Interessen drängen auseinander. Innenpolitische Debatten in Frankreich, Polen oder Italien zeigen eine splitternde EU. Flexibilität, Behutsamkeit und eine realistische Vorstellung von der Zukunft Europas braucht die Führung der EU jetzt, nicht theoretisierende Besserwisserei.

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