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Letzte Chance aufs Eigenheim: Komm, wir ziehen zu Mutti

| Lesedauer: 5 Minuten
Jule Bleyer
Manchmal ist das Elternhaus die letzte Chance aufs Eigenheim. Redakteurin Jule Bleyer darüber, ob man es wagen sollte.

Manchmal ist das Elternhaus die letzte Chance aufs Eigenheim. Redakteurin Jule Bleyer darüber, ob man es wagen sollte.

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

In Anbetracht der hohen Immobilienpreise ist manchmal das Elternhaus die letzte Chance aufs Eigenheim. Doch kann das gut gehen?

Hamburg. Man will ja nicht lauschen, aber beim Thema Immobilien sind die Gespräche auf dem Spielplatz einfach zu spannend. Außerdem sind die beiden Mütter an der Schaukel nebenan auch gar nicht zu überhören. Es geht natürlich um das klassische Eimsbüttel-Dilemma, das üblicherweise in drei Schritten abläuft. Phase eins, Einzug ins Altbauviertel als Paar: Cafés, Geschäfte, Restaurants, kurze Wege – wo wohnen, wenn nicht hier! Phase zwei, das erste Kind: Spielplätze, Pekip, Pikler, Cafés voller Eltern, kurze Wege – rausziehen, ohne uns! Phase drei, nach dem zweiten Kind: Keine Zeit für Cafés, Straßen zu eng, Altbauwohnung zu klein, Sehnsucht nach Garten groß – wir müssen hier weg!

Wir befinden uns hier zwischen Phase zwei und drei – Mutter A, ein Kind, ahnt, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum des Viertels für ihre Familie bald ablaufen wird, will es aber noch nicht wahrhaben. Ihr Mann, klagt sie Mutter B ihr Leid, gucke schon die ganze Zeit nach Häusern, aber, also ganz ehrlich, sie sei doch nicht nach Hamburg gezogen, um am Stadtrand zu leben.

Immobilien Hamburg: Oft ist Mutti die letzte Chance aufs Eigenheim

„Tim droht mir schon immer, wenn wir nichts anderes finden, dann ziehen wir in das Haus seiner Eltern“, sagt Mutter A, und es klingt, also müsste sie bald in einer Bruchbude auf dem platten Land hausen und Schweine und Ziegen hüten. „Wo wäre das denn?“, erkundigt sich Mutter B, ein Kind, mit dem zweiten schwanger, schon die Ausweglosigkeit von Phase drei spürend und mit Rand-, Vorort- und Pendlergemeinden durchaus vertraut. Die Antwort wird ausgespuckt wie ein Schimpfwort: „In Rissen!“

Nun könnte man Mutter A zugute halten, dass sie nicht aus Hamburg kommt, doch a) handelt es sich um ein Einfamilienhaus in einem der besten Teile dieser Stadt in unmittelbarer Elbnähe und b) bekämen sie dieses von den Eltern (die dann natürlich in ihre Eigentumswohnung ums Eck ziehen würden) und damit quasi geschenkt. Mutter B würde sofort tauschen – sie hat zwar auch einen Elternhaus-Joker, allerdings in Bielefeld. „Oh“, sagt Mutter A da nur.

Wenn sie selbst Kinder haben, zieht es viele dorthin zurück, wo sie aufgewachsen sind. Angesichts der heutigen Lage aber mehr aus pragmatischen denn aus emotionalen Gründen. Das Haus mit Eltern oder Schwiegereltern tauschen ist oft die letzte Chance auf ein Eigenheim.

Bei manchen klappt das super, wie bei einer Freundin, deren Mutter jetzt glücklich in ihrer Etagenwohnung in Eppendorf lebt, während die Enkel Leben in Haus und Garten in Reinbek bringen. Bei anderen, ehemals Spielplatzbekannten, haben die Eltern ihr Zuhause in Volksdorf wohl eher aus Pflichtgefühl für die nächste Generation geräumt. Jetzt scheinen sie es zu bereuen, vermissen ihre Terrasse und ihre Blumenbeete und kommentieren jede Veränderung innerhalb des Hauses abschätzig.

Wenn die Kinder nicht wegwollen

Missstimmung gibt es auch bei einer Bekannten, die gerne in ihr Heimatdorf zurückziehen würde, ins Haus der kürzlich ins Seniorenheim übergesiedelten Oma. Allerdings nicht aus Landliebe, sondern weil ihre Wohnung bald platzt. Hier sind es jedoch die Kinder, die unter keinen Umständen wegwollen – lieber teilten sie sich weiterhin ein Zimmer. Weshalb sie sich beim Spielen natürlich ständig streiten, was für Zoff mit und dann auch unter den Eltern sorgt, woraufhin wieder Omas Dorf ins Spiel kommt, woraufhin es noch mehr Krach gibt. Meine Bekannte sollte besser nichts von Mutter A und Rissen erfahren, sonst platzt sie.

Pragmatisch wie problematisch ist auch die Option, auf dem Grundstück der Eltern ein weiteres Haus zu bauen. Hatte ein Freund in Niendorf überlegt. Abgesehen davon, dass man sich das heute selbst mit Grundstück kaum noch leisten kann, stellte sich eine Reihe weiterer Fragen: Reicht der Garten dann noch für alle? Nimmt das eine Haus dem anderen die Sonne? Wer zieht in den Neubau, wer in den Bestand, und reicht das Geld, Letzteren zu sanieren? Auch sind Mehr-Generationen-Grundstücke nicht für jeden geeignet, wobei nicht immer zu viel Schwiegermutter das Problem ist. Viele Großeltern brauchen durchaus auch mal Pause von ihren Enkeln. So wohnt besagter Freund weiterhin mit seiner Familie in einer Dreizimmerwohnung und die Mutter alleine im Einfamilienhaus. Aber zumindest leben sie in Frieden.

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