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Wimbledon sollte ein Vorbild für alle sein

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Andreas Hardt
Sportautor Andreas Hardt. Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

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Das traditionsreichste Tennisturnier der Welt schließt Russen und Belarussen aus. Warum das der richtige Schritt ist.

An diesem Freitag werden die Felder für die All England Tennis Championships in Wimbledon ausgelost, deren erste Runde am kommenden Montag beginnt. Titelverteidiger Novak Djokovic (35/Serbien) eröffnet um 14 Uhr MESZ auf dem legendären Center-Court. Das war schon immer so, seit 100 Jahren wird das Turnier an der Church Road in London gespielt, die Tradition macht die Einmaligkeit aus. Sie haben dort vieles richtig gemacht.

Beim zweiten Blick auf die Teilnehmerlisten fällt aber auf, dass diesmal etwas anders ist. Die beiden aktuell besten Spieler der Welt fehlen. Neben dem verletzten Alexander Zverev ist auch der Weltranglistenerste Daniil Medwedew nicht am Start, ebenso wie der Achte Andrej Rub­ljow. Bei den Damen sind die Nummern sechs, 13 und 20 des WTA-Rankings nicht dabei. Die Belarussin Aryna Sabalenka, die Russin Daria Kassatkina und die ehemalige Weltranglistenerste Victoria Asarenka, die einen belarussischen Pass hat, wurden wie ihre männlichen Kollegen aus Russland vom sportlich bedeutendsten Tennisturnier der Welt ausgeschlossen.

Russland soll nicht durch Wimbledon-Teilnahme von russischer oder belarussischer Sportler profitieren

Der All England Club begründete seine Entscheidung vom 20. April mit seiner Verantwortung, Russlands globalen Einfluss angesichts des Angriffskriegs gegen die Ukraine mit den härtestmöglichen Mitteln zu begrenzen. Es sei inakzeptabel, wenn das russische Regime durch die Teilnahme russischer und belarussischer Spieler am Turnier profitieren würde.

Für die betroffenen Profis, zehn Damen und fünf Herren insgesamt, ist das hart. Ihnen wird verwehrt, ihrem Beruf nachzugehen, wichtige Einnahmen zu erzielen. Die Spielerorganisationen ATP und WTA haben deshalb entschieden, dass in diesem Jahr in Wimbledon keine Weltranglistenpunkte vergeben werden, um die vom Ausschluss Betroffenen nicht zusätzlich zu benachteiligen.

Wimbledon zeigt Problematik von politisch motivierten Sanktionen im Sport

Die Vorkommnisse in Wim­bledon zeigen die Problematik von politisch motivierten Sanktionen im Sport. ATP und WTA lassen bei ihren Turnieren Aktive aus den beiden Kriegstreibernationen zu, allerdings ohne Landesflagge. Der All England Club aber bestraft Spieler und Spielerinnen für ihren Geburtsort. Die meisten wohnen längst nicht mehr in Russland. Asarenka hat ihren Lebensmittelpunkt in Kalifornien, sie hat sich klar gegen den russischen Überfall auf die Ukraine geäußert. Rubljow schrieb in Dubai „Keinen Krieg bitte“ auf eine TV-Kamera. Von anderen hörte man dagegen kaum klare Statements gegen den Krieg.

Daraus abzuleiten, dass sie Putin unterstützen, wäre sicherlich falsch. So funktionieren Diktaturen eben: Freunde, Familie sind überwiegend noch in Russland, da steht bei kritischen Äußerungen schnell die Geheimpolizei vor der Tür. Der ehemalige russische Fußballnationalspieler Igor Denissow ist mit seiner klaren Verurteilung von Putins Aktionen eine Ausnahme und sich des Risikos bewusst: „Vielleicht wird man mich für diese Worte umbringen.“

Sind Strafen gegenüber Individualsportlern gerecht?

Wie soll der Sport also umgehen mit Aktiven aus diesen Ländern? Unstrittig sollte sein, dass Nationalteams ebenso wie Vereinsmannschaften auszuschließen sind, sie repräsentieren ohne Zweifel ihre Nation. So wird es von den Weltverbänden auch gemacht, Russland durfte an der Qualifikation zur Fußball-WM nicht teilnehmen, dem Land wurde die Eishockey-WM 2023 entzogen, das Champions-League-Finale der Fußballer dieses Jahr fand nicht in St. Petersburg statt. Selbst das IOC empfahl, weder Athleten noch Funktionäre aus dem Land des Aggressors zu Wettkämpfen zuzulassen.

Aber ist das gegenüber Individualsportlern gerecht? Wenn man sich die Verbrechen in der Ukraine anschaut, dann kann es nur eine Lösung geben: Sanktionen dürfen nicht auf halber Strecke stehen bleiben. Die Einzelsportler repräsentieren ihr Land auch ohne Flagge und Hymne. Ihre Erfolge werden für Propaganda daheim genutzt. Zudem kann sich auch innerrussischer Widerstand nur entwickeln, wenn es viele Betroffene gibt. Auch wenn es hart für die sanktionierten Sportler ist, kann man feststellen: Wimbledon hat, wie so oft in seiner langen Geschichte, richtig entschieden. Alle sollten folgen.

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