Meinung
Post aus Washington

Hier lässt der US-Präsident auch mal die Seele baumeln

| Lesedauer: 4 Minuten
Dirk Hautkapp
Dirk Hautkapp  ist der US-Korrespondent des Hamburger Abendblatts.

Dirk Hautkapp ist der US-Korrespondent des Hamburger Abendblatts.

Foto: Privat

Der Kleinstadt-Charme von Rehoboth Beach haut Joe Biden wortwörtlich aus dem Sattel. Die kleine Fahrradpanne kursierte im Internet.

Hamburg. Kennen Sie Rehoboth Beach? Wenn nicht, empfehle ich den lauschigen Badeort an der Stelle, wo der Atlantik zweieinhalb Autostunden östlich von Washington DC an Land plätschert, bei der nächsten USA-Visite mit ins Programm zu nehmen. Hier steigt US-Präsident Joe Biden ab, wenn er in Katzensprungnähe zum Weißen Haus die Seele baumeln lassen und die politisch bleihaltige Luft in der Hauptstadt mit jodhaltiger Seebrise tauschen will.

Ums Eck von Bidens Ferienhaus an der Farview Road Nr. 32, wo links und rechts entschieden größere und repräsentativere Domizile stehen, liegt der idyllische „Cape Henlopen State Park“. Biden und First Lady Jill Biden erkunden das Areal, begleitet von Leibwächtern, gern mit dem Fahrrad. Am vergangenen Wochenende kam der 79-Jährige hier bei einer Begegnung mit Touristen im Stillstand nicht schnell genug mit dem rechten Fuß aus der Pedalschlaufe – und fiel um.

Post aus Washington: Bidens Fahrradpanne auf Video

Die Handyvideos von der harmlosen Allerweltspanne, die Biden ohne Blessuren überstand, gingen binnen Minuten in sozialen Medien steil und fütterten stundenlang den nationalen Nachrichten­zyklus; oft eingebettet in die missgünstige Erzählung vom angeblich tattergreisigen Präsidenten, der in der Politik wie im echten Leben nicht mehr fest im Sattel sitze. Papperlapapp.

In Rehoboth Beach weiß und schätzt man, was Biden reichlich hat: Bodenständigkeit und Wiederaufstehqualitäten. Das Mittelschichtsseebad in Delaware, in dem 1880 in Person von Myrtle Meriwether zum ersten Mal eine „Miss United States“ gekürt wurde, ist in jeder Beziehung der Gegenentwurf zu Donald Trumps katzengoldigem Mar-a-Lago. Motto: No Firlefanz. Am gut gepflegten Strand samt Holzplanken-Boardwalk sind Alkohol und das Graben tiefer Löcher verboten.

2,7-Millionen-Dollar-Haus als Geschenk für First Lady

Warum der Präsident auf die 1700-Seelen-Gemeinde verfallen ist? „Wir haben alles, was man braucht – aber mit dem Kleine-Städtchen-Charme“, sagt Tourismuschefin Carol Everhart, „wer einmal hier war, der liebt uns.“ Biden hat seine Oase 2017 von den Tantiemen für eines seiner Bücher gekauft: 2,7 Millionen Dollar für ein dreistöckiges Haus mit sechs Schlafzimmern, zwei Balkonreihen, Grillplatz und Außendusche fürs Tier. Kein Vergleich zu den weitläufigen Sommersitzen der Kennedys auf Cape Cod/Massachusetts oder des Bush-Clans in Kennebunkport/Maine.

Bidens Sommerdatscha mit 450 Qua­dratmeter Wohnfläche war ein Geschenk für Ehefrau Jill. Über dem Eingang des dunkelblau gestrichenen Hauses prangt „Versprechen gehalten“. Otto Normalverbraucher kriegt die Plakette mit dem kleinen Merksatz aber nicht zu sehen. Hochsicherheitszone. Der Secret Service hält rund um die Uhr Wache.

Nachbarschaftsschnack von Demokrat zu Republikaner

Joe Biden, sagen Nachbarn, ist hier immer nah- und sichtbar gewesen. „Man kam meist schnell mit ihm ins Gespräch, wenn er hier flanierte oder nach der Sonntagskirche in St. Edmond Zeit für einen Schwatz hatte“, sagt Joe Kramer, der sich als „waschechten Republikaner“ bezeichnet, aber „mit dem Demokraten Biden leben kann“. Routine im Umgang mit Biden hat auch Susan Kehoe. Ihr gehört der Buchladen Browseabout Books. Jill Biden hat hier schon signiert. In den Auslagen sind immer Biden-Bände zu finden, etwa die illustrierte Hommage von Jill Twiss an Schäferhund „Major“ Biden, der es auf leisen Pfoten „vom Tierheim ins Weiße Haus“ geschafft hat.

Einige Gastronomen monetarisieren den Promi-Status ihres berühmtesten Gastes. In ihrem Café Oy, Vey hat Lori Kline­ für 11,95 Dollar den Sandwich-Zwitter „The Biden’s“ kreiert. „Joe mag unseren Thunfisch, Jill freut sich über den Hühnersalat – bestellen Sie jeweils eine Hälfte“, steht auf der Speisekarte. In Lisa DiFebo’s gleichnamigem italienischen Restaurant weiß man, dass Joe Biden auf „Parmesan-Hühnchen auf roter Sauce“ steht. Während die Gattin häufig Lachs wählt.

Joe Mack, Eigentümer des gegenüberliegenden Double Dippers, verkauft dem Präsidenten Schokoladeneis. Auch bei Dolles, einem Zuckerbäcker, der seit bald 100 Jahren Popcorn und Salzwasser-Toffee vertreibt, schätzt man den süßen Zahn des Präsidenten.

Im Hundebedarfsfachgeschäft Salty Paws sagt Seniorchefin Sharon, dass „Major“ Biden, ein deutscher Schäferhund, schon zu den Kunden gezählt hat, nachdem er vom Strand kam. Zu den bevorzugten Hundeeis-Geschmacksrichtungen zählt hier neben Schinkenspeck vor allem­ Erdnussbutter; die Lieblingssorte des Präsidenten – gerade nach Fahrradausflügen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung