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Fußball auf höchstem Niveau – und zum Vergessen

| Lesedauer: 4 Minuten
Rupert Fabig
Rupert Fabig ist Reporter in der Sportredaktion.

Rupert Fabig ist Reporter in der Sportredaktion.

Foto: Thorsten Ahlf

Die Sportart Nummer eins packt die Fans wie eh und je. Sie steht aber vor Herausforderungen, damit es so bleibt.

Es war dramatisch, es ging um alles, es war Fußball auf höchstem Niveau, es war schlicht „Ein Spiel zum Vergessen“, wie der „Kicker“ genial titelte. Um alles drumherum zu vergessen, sich von der Kunst, die Manchester City und Real Madrid beim 4:3-Klassiker im Halbfinalhinspiel der Champions League vor vier Wochen zelebrierten, in ihren Bann ziehen zu lassen. Am Sonnabend steigt nun in Paris das Finale in der Königsklasse. Der FC Liverpool gegen Real Madrid. Wieder darf nicht weniger erwartet werden als das kollektive Vergessen.

Und sei es nur beim ekstatischen Feiern des Triumphes – oder solidarischen Betrauern des Scheiterns. Denn, diese Lektion hat uns der Fußball in den vergangenen Entscheidungswochen gelehrt: Er kann es – allen Unkenrufen, Millionarios und Dreifach-TV-Abos zum Trotz – immer noch: uns mitreißen, uns emotionalisieren, uns berühren.

Fußball kann uns immer noch mitreißen

Für einen Abend bestand gefühlt das ganze Land aus Eintracht-Frankfurt-Fans. Die Mainmetropole stand Kopf, als die Mannschaft den Europa-League-Pokal nach Hause brachte. In Freiburg wurden die Verlierer des DFB-Pokal-Endspiels nach ihrer Rückkehr empfangen wie Gewinner. Die Stimmung im Volksparkstadion auch nach der enttäuschenden Relegationspleite des HSV gegen Hertha BSC Berlin? Mühelos erstligareif.

Selbst die anfangs verlachte Europa Conference League vermochte es, in ihrem Premierenjahr dafür zu sorgen, dass die Anhänger der siegreichen AS Roma vor Freude im Trevibrunnen badeten. Und egal, ob nun Liverpool oder Madrid die Champions League gewinnt, fest steht bereits jetzt: Die Stadt der Sieger wird für eine Nacht und einen Tag auf den Beinen sein.

Die andere Lektion, die sich uns offenbart hat: Die wirtschaftliche Schere zwischen den Clubs klafft ohnehin immer weiter auseinander, aber die sportliche korreliert damit. Geld schießt eben doch Tore, Otto Rehhagel. Zwischen dem Niveau beim „Spiel zum Vergessen“ und dem im Finale in der Europa League liegen Welten. Ebenso eklatant ist der Abstand zwischen gehobenem Bundesliga-Level und dem, was der HSV und Hertha in den beiden Relegationsspielen zeigten. Dass der HSV noch vor zwölf Jahren im Halbfinale des Uefa-Cups, der heutigen Europa League, stand, ist längst unvorstellbar. Eine Meisterschaft direkt nach dem Aufstieg, wie sie dem frisch gebackenen Zweitligarückkehrer 1. FC Kaiserslautern 1997/1998 – übrigens unter Trainer Otto Rehhagel – glückte, wird es nie, nie wieder geben.

Die Gründe dafür sind vielfältig und hinlänglich bekannt. Einen sinnvollen und vor allem umsetzbaren Ausgleichsmechanismus konnte noch niemand präsentieren. Allein die Gelder des TV-Rankings anzugleichen, wäre zu kurz gegriffen. Gebe es für jede Platzierung den gleichen Betrag, könnte dies letztlich sogar ein Eigentor werden, wenn Clubs, die zum Saisonende im Mittelfeld gefangen sind, um nichts mehr spielen und lust­lose Kicks abliefern würden.

Den Einfluss von Investoren streng beschränken

Primär gilt es, den nicht organischen Einfluss von Investoren streng zu beschränken. Zumindest in Deutschland wäre dies möglich. Das Bundeskartellamt hat die Empfehlung abgegeben, die 50-plus-eins-Regel entschiedener umzusetzen. Sie besagt, dass es Kapitalanlegern nicht möglich ist, die Stimmenmehrheit bei Kapitalgesellschaften zu übernehmen, in die Fußballvereine ihre Profimannschaften ausgegliedert haben.

Doch in der derzeitigen Form ist sie ein stumpfes Schwert und fördert nur den ungleichen Wettbewerb. Durch die Möglichkeit, dass ein Unternehmen die Mehrheit des Kapitals stellen kann, entsteht eine wirtschaftliche Abhängigkeit, so wie bei der Betreibergesellschaft der TSG Hoffenheim, deren Kapital zu 96 Prozent von Mäzen Dietmar Hopp gestellt wird. Hopp ist immerhin ein langjähriger Förderer, der auch in der Region viele soziale und gesellschaftliche Projekte fördert.

Radikaler ist es im Fall von Pokalsieger RB Leipzig, wo nur sieben Red Bull nahestehende Gründungsmitglieder ein Stimmrecht im Verein haben, wodurch die Regelung gezielt unterwandert wird.

Ja, die Qualität des Spiels und sportliche Wettbewerbsfähigkeit steigen dadurch. Doch wenn künftig gewohnheitsmäßig Red Bull aus Pokalen getrunken wird, droht das Spiel, wie wir es kennen, von den Zuschauern irgendwann tatsächlich vergessen zu werden.

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