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Hamburg Towers: Auf der Suche nach einer neuen Geschichte

| Lesedauer: 4 Minuten
Rupert Fabig
Rupert Fabig ist Sportreporter beim Hamburger Abendblatt.

Rupert Fabig ist Sportreporter beim Hamburger Abendblatt.

Foto: THORSTEN AHLF / FUNKE FOTO SERVICES

Den Wilhemsburgern steht eine schwierige Zeit des Mittelmaßes bevor – diese bietet aber auch die Chance zur Selbstfindung.

Hamburg. Die Hamburg Towers stehen mit dem Rücken zur Wand. Das lässt sich gleichermaßen über die Play-off-Viertelfinalserie gegen die Telekom Baskets Bonn, aus der die Wilhelmsburger bei einer weiteren Niederlage am Freitagabend ausscheiden würden, behaupten wie über ihre mittelfristige Zukunft in der Basketball-Bundesliga. Der bevorstehende Abgang ihres begehrten und hoch kompetenten Trainers Pedro Calles zu den EWE Baskets Oldenburg und die voraussichtliche Beförderung des langjährigen Assistenten Benka Barloschky werfen Fragen auf. Und offenbaren, dass die Towers Risiken eingehen müssen, um Chancen zu erhalten.

Aber zunächst, bevor alle über Calles herfallen. Dass es der Spanier wagen konnte, nicht etwa, wie ursprünglich von ihm geplant, in seine Heimat, sondern zu einem Ligakonkurrenten zu wechseln. Noch dazu einem im Norden: Oldenburg schloss die abgelaufene Saison zwar nur als Elfter ab, verfügt aber über ein wesentlich höheres Spielerbudget als Hamburg. Calles ist extrem ehrgeizig, auch die Motive eines Wechsels nach Spanien wären ausschließlich sportliche gewesen. Und das ist völlig legitim. Oldenburg bietet ihm eine erfolgversprechende Perspektive, die er nun wahrnimmt.

Hamburg Towers: Calles hat Standard auf hohem Niveau etabliert

Vielmehr sollte man Calles dankbar sein. Er hat Standards auf hohem Niveau etabliert, den Standort für aufstrebende Spieler interessant gemacht und in seinen beiden Saisons die Play-offs erreicht, dazu in diesem Jahr das Achtelfinale des EuroCups. Selbst wenn die Hamburg Towers gegen Bonn scheitern, war die aktuelle Serie besser als die vorangegangene.

Das große Aber: Hamburg kann keinen signifikanten Etatsprung machen. Im Gegenteil: Das für die Mannschaft zur Verfügung stehende Geld dürfte nach dem Rückzug von Hauptsponsor VTG auf normale Sponsoringebene sowie dem offenbar bevorstehenden Einstieg eines neuen größeren Partners stagnieren. Stillstand ist auch im Basketball Rückschritt.

Die Arena in Wilhemsburg ist ausvermarktet

Einer der Hauptgründe ist die fehlende Perspektive einer größeren Arena. Die nur 3400 Zuschauer fassende edel-optics.de Arena im Inselpark ist ausvermarktet. Die Pläne für den Elbdome stehen seit Jahren, einen Bauplatz gibt es immer noch nicht. In Addition mit dem sportlichen Umsturz – alle drei Stars werden im Sommer gehen – droht den Towers Mittelmaß. Nicht weniger, aber gewiss auch nicht mehr.

Und anstatt einen erfahrenen Trainer zu verpflichten, setzt Sportchef Marvin Willoughby auf Barloschky. Eine mutige Entscheidung. Der künftige Coach, der fachlich solide und menschlich hoch angesehen ist, ist in leitender Funktion auf Topniveau völlig unerfahren und verfügt noch über kein ausgeprägtes Netzwerk auf dem Spielermarkt. Man könnte meinen, da sei es nur das nächste Risiko, mit einem sportlich schwächeren Kader auch noch die Doppelbelastung des EuroCups erneut einzugehen. Ein Trugschluss, denn überdurchschnittliche Spieler wollen international antreten. Immer. Die Towers würden sich auf dem Spielermarkt ansonsten nur selbst verschuldet ins Abseits manövrieren.

Towers dürfen nicht Bedeutung in Hamburger Sportlandschaft verlieren

Schwieriger, als das sportliche Niveau zu halten, wird es aber ohnehin, bis zur Errichtung des Elb­domes nicht an Bedeutung in der Hamburger Sportlandschaft zu verlieren. Die Handballer des HSV Hamburg sind drauf und dran, die Towers wieder zu überflügeln. Damit der in Deutschland nicht in der Sportkultur verankerte Basketball interessant bleibt, muss er mitreißende Geschichten erzählen, interessante Charaktere mit Wiedererkennungswert präsentieren. Die Gründungsstory der Towers – vom Sozialprojekt zum Proficlub – ist grandios und einzigartig. Aber sie ist mittlerweile 16 Jahre alt und auserzählt. Sich nun als professioneller Erstligist zu definieren wäre fatal und gefährlicher als ein sportlicher Rückschritt.

Hier liegt die große Chance, die Barloschky bietet. Die Towers können ihre eigene Version des Hamburger Wegs gehen. Mit einem empathischen, jungen Trainer aus dem eigenen Lager. Mit Talenten aus dem Nachwuchs. Mit mündigen Leistungsträgern, die sich mit Hamburg identifizieren und vor allem Gesicht zeigen (dürfen). Attraktiv für Fans wie Sponsoren gleichermaßen. Die Idee der Geschichte liegt auf der Hand. Die Towers müssen sie nun spannend aufschreiben.

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