Meinung
Meine wilden Zwanziger

Müssen wir ein schlechtes Gewissen haben?

| Lesedauer: 5 Minuten
Annabell Behrmann
Annabell Behrmann (29) ist Redakteurin des Abendblatts.

Annabell Behrmann (29) ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Thorsten Ahlf

Viele fragen sich, ob sie in diesen schwierigen Zeiten verreisen dürfen – ein bisschen Ablenkung sollte auch jetzt in Ordnung sein.

Hamburg. In diesen Tagen hebt mein Flieger in Richtung Südtirol ab. Die Reise ist seit langer Zeit geplant. Ich freue mich sehr darauf, nach drei Jahren Auszeit wieder Skier unter den Füßen zu spüren. Mich frei wie ein Vogel zu fühlen, während ich den Berg hinunterwedele. Einen Eierlikör auf der Hütte zu trinken.

Dort treffe ich Menschen, die ich nur selten sehe, weil sie in Süddeutschland leben, die sich für mich aber wie meine zweite Familie anfühlen. Die vergangenen Wochen war ich damit beschäftigt, viel dafür zu tun, um mich vor der Reise bloß nicht mit Corona zu infizieren – mit dem ersten Raketeneinschlag in der Ukraine sind diese Gedanken verpufft.

Die Pandemie ist in weite Ferne gerückt. Plötzlich habe ich ein schlechtes Gewissen, in den Urlaub zu fliegen. Wie kann sich etwas so falsch anfühlen, auf das man sich eigentlich so lange gefreut hat?

In der Ukraine herrscht Krieg – was ist im Alltag angemessen?

Ich erlebe viele Menschen gerade im Zwiespalt. Die Ukraine versinkt im grausamen Chaos. In anderen Teilen Europas dreht sich die Welt trotz riesiger Anteilnahme weiter. Die meisten gehen normal ihrer Arbeit nach, betreiben ihre Hobbys weiter, treffen sich mit Freunden. In Hamburg haben am Wochenende die Clubs wieder geöffnet. Menschen waren auf dem Kiez tanzen, trinken, sich amüsieren. Dabei stellen sich viele die Frage: Ist es angemessen, feiern zu gehen, während nicht weit entfernt in der Ukraine unschuldige Zivilisten im Krieg sterben?

Eine Freundin von mir hat einen Tagesausflug an die Ostsee unternommen. Im Auto wollte sie die Musik laut aufdrehen. Doch ihr Freund schaltete das Radio aus. Er meinte, so viel Ausgelassenheit passe nicht in diese Zeit. Sie wiederum sehnte sich nach ein wenig Leichtigkeit.

Ukrainerinnen in meinem Alter lassen in ihrer Heimat gerade alles zurück: ihren Job, ihr Hab und Gut, ihren geliebten Mann, der im Krieg kämpfen muss. Und ich stelle in Deutschland Anfragen an Veranstalter, weil ich im Sommer gerne meinen 30. Geburtstag feiern würde.

Was überhaupt wird im Sommer sein?

Mehr denn je möchte ich meine Liebsten um mich versammeln. Aber auch hierbei spüre ich den Zwiespalt: Ich fühle mich privilegiert, über eine Party nachdenken zu können. Schäme mich dafür. Dann empfinde ich wiederum eine große Dankbarkeit, in diesem Land leben zu dürfen. Und ganz leise im Hinterkopf beschäftigt mich die Frage: Was überhaupt wird im Sommer sein?

Tagsüber verfolge ich online, was in der Ukraine passiert. Abends schaue ich mir die Nachrichten im Fernsehen an. Meistens noch die anschließende Spezial-Ausgabe zum Krieg. Dann „Maybrit Illner“ oder „Hart aber fair“. In der Nacht träume ich von Panzern. Es geht mir eindeutig besser, wenn ich weniger Medien konsumiere.

Andererseits möchte ich informiert sein und wissen, was in der Welt passiert. Bin ich das den Menschen nicht schuldig? Manchmal brauche ich aber einfach eine Auszeit. Ich sehne mich nach guten Nachrichten. Diese würde ich gern auch wieder in der Kolumne verbreiten. Ihnen ein schönes Gefühl beim Lesen geben. Aber meistens schreibe ich darüber, was mein Herz bewegt. Und das sind die Menschen in der Ukraine.

Wir dürfen dennoch Freude am Leben empfinden

Um trotzdem einen besseren Umgang mit der Situation zu finden, habe ich mich für die Sichtweise der Dankbarkeit entschieden. Ich bin dankbar dafür, mir eine Pause von schlechten Nachrichten nehmen und einen Tag ans Meer fahren zu können. Es ist eine Möglichkeit, um mit der auch für uns schwierigen und belastenden Weltlage klarzukommen, Energie aufzutanken und diese bestenfalls zu nutzen, um Menschen, die gerade aus ihrer Heimat flüchten müssen, zu helfen.

Ein weiteres Argument, das jetzt oft zu hören ist: Leid gibt es leider zu jeder Zeit in der Welt. In Syrien. Afghanistan. Vor der eigenen Haustür. In Afrika sterben Menschen immer noch an Hunger. Wie kann das sein? Trotzdem dürfen wir Freude am Leben empfinden. Es gibt immer noch so viel Schönes, selbst in dieser Zeit. Seinen Blick nicht auf den irren, mordenden russischen Präsidenten und seine Truppen zu richten ist nicht möglich. Aber die Hilfsbereitschaft und Solidarität in der Welt zu sehen macht mich stolz auf unsere seltsame Spezies.

Jeder geht mit der aktuellen Lage anders um. Der eine könnte sich nicht vorstellen, jetzt auf einem Konzert tanzen zu gehen. Die andere braucht dringend Ablenkung. Beides sollte völlig in Ordnung sein.

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