Meinung
Gastbeitrag

Wenn die Frau des obersten Richters für Trump kämpft

| Lesedauer: 4 Minuten
Dirk Hautkapp
Dirk Hautkapp ist der US-Korrespondent des Hamburger Abendblatts.

Dirk Hautkapp ist der US-Korrespondent des Hamburger Abendblatts.

Foto: Privat

Ginni Thomas, Gattin von Supreme-*Court-Mitglied Clarence Thomas, fällt mit rechtspopulistischem Aktivismus auf. Ist ihr Mann befangen?

Hamburg. Kennen Sie Virginia Thomas, genannt „Ginni“? Wenn nicht, empfehle ich die hochgewachsene, blonde, weiße Frau aus Omaha unbedingt näher in Augenschein zu nehmen. Die 65-Jährige ist mit dem bislang einzigen afroamerikanischen Richter am Obersten Gerichtshof der USA in Washington verheiratet. Das wird zunehmend zum Problem.

Virginia Thomas engagiert sich als rechtslastige Aktivistin in Streitthemen, die häufig vor dem Supreme Court landen. Und damit auch vor ihrem Mann, mit dem sie weltanschaulich eine symbiotische Verbindung pflegt. Darum wird der Ruf lauter, dass sich der 73-Jährige für befangen erklären sollte, um die in Integrität des Gerichts nicht weiter zu beschädigen. In Umfragen wird die renommierteste Streitschlichtungsinstanz des Landes längst als politisch-ideologische Veranstaltung wahrgenommen.

Virgina Thomas ist die Frau des obersten Richters – und Trump-Anhängerin

Aber Clarence Thomas denkt nicht dran. Der aus bescheidenen Verhältnissen im Bundesstaat Georgia stammende und ausgesprochen wortkarge Jurist, nach dem legendären Thurgood Marshall erst der zweite Afroamerikaner in der Geschichte der Vereinigten Staaten am Obersten Gericht, ist nach dem Tod von Antonin Scalia der Konservativste in einer stabilen 6:3-Mehrheit konservativer Richter.

Ob Abtreibung, Homo-Ehe, Rassismus oder Wahlrecht – Thomas, 1991 vom damaligen Präsidenten George H.W. Bush berufen, ist im Lager derer zu finden, die die amerikanische Verfassung buch­stabengetreu im Geiste ihrer Urahnen interpretiert wissen wollen.

Ginni Thomas leiht Verschwörungstheoretikern ihre Stimme

Sollten die Ereignisse des 6. Januar 2021, die skandalöse, tödliche Erstürmung des Kapitols in Washington durch Trump-Anhänger und bewaffnete Milizen samt des Verdachts der persönlichen Verwicklung des Präsidenten darin demnächst vor dem Supreme Court landen, sehen Juristen einen „himmelschreienden Interessenkonflikt“ auf Washington zurollen.

Denn Gattin Ginni Thomas ist hier, wie üppige Recherchen der „New York Times“ und des Magazins „New Yorker“ gerade belegt haben, einschlägig positioniert: im Lager der Verschwörungstheoretiker und Demokratiefeinde. So hat sie jenen mehrfach wohlwollend ihre Stimme geliehen, die Donald Trump um den Wahlsieg 2020 betrogen sehen. Vor den gewalttätigen Ausschreitungen am 6. Januar bekundete sie ihre „Liebe“ zu jenen, die sich Trumps Slogan „Make America Great Again“ verpflichtet fühlen.

Engagement in der Tea-Party-Bewegung und der Heritage Foundation

Den parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der den versuchten Aufstand seit Wochen prüft, eidesstattliche Aussagen erzwingt und zuletzt höchstrichterlich die Herausgabe sensibler Präsidialdokumente Trumps durchgesetzt hat, hält Virginia Thomas für illegitim. Die einzigen beiden Republikaner, die bei der Aufklärungsarbeit mitmachen, die Abgeordneten Liz Cheney und Adam Kinzinger, will sie aus der Partei geworfen wissen. Amerika steckt für Frau Thomas im Griff des „tiefen Staates“ und einer „faschistischen Linken“.

In Justizkreisen schütteln in Washington viele den Kopf über die Frau, die mit ihrem Engagement „das lange geübte Prinzip von Zurückhaltung und Neutralität von Ehepartnern oberster Richter mit Füßen tritt“. Und das nicht zum ersten Mal. Anfang der 2000er-Jahre war Ginni Thomas stark in der Tea-Party-Bewegung engagiert, die die republikanische Partei radikalisierte, maßgeblich nach rechts verschob und damit zu den Ermöglichern Donald Trumps zu rechnen ist.

Zuvor war Thomas viele Jahre für die konservative Heritage Foundation tätig, die programmatisch bis heute Einfluss auf die „Grand Old Party“ nimmt. Das Einkommen in Höhe von 700.000 Dollar, das sie dort bezog, hatte ihr Mann, Richter Clarence Thomas, nicht wie per Gesetz vorgeschrieben ordnungsgemäß aufgeführt. Er machte ein Missverständnis geltend – beim Aus­füllen von Fragebögen …

Selbst Trump geht auf Abstand zu Ginni Thomas

Ginni Thomas macht kein Hehl aus ihren Ambitionen. „Ich kämpfe seit 35 Jahren für konservative Prinzipien in Washington.“ Sie arbeitet mit Trump-Steigbügelhaltern wie dessen Ex-Strategen Steve Bannon, dem Moderator Charlie Kirk und dem Präsidentenberater Sebastian Gorka zusammen. Ist aber dabei so extrem, dass selbst Trump schon auf Abstand ging. Nach einer Audienz im Weißen Haus nannte er die Richter-Gattin vor Vertrauten „durchgeknallt“.

Die öffentliche Debatte über Thomas’ Allüren fällt zeitlich zusammen mit einer historischen Gegenbewegung. Clarence Thomas verliert seinen Status als einziger Afroamerikaner im Neuner-Kollegium. Präsident Joe Biden hat mit der 51-jährigen Ketanji Brown Jackson die erste schwarze Frau für das Oberste Gericht nominiert. Jedes Wort dazu von Ginni Thomas wird auf die Goldwaage gelegt.

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