Meinung
Gastbeitrag

Trump träumt von Trucker-Blockaden à la Kanada

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Dirk Hautkapp
Trucker-Protest gegen staatliche Corona-Restriktionen in Kanada.

Trucker-Protest gegen staatliche Corona-Restriktionen in Kanada.

Foto: picture alliance / AA / Kadri Mohamed

Radikale Republikaner hoffen auf eine Protestwelle gegen die Corona-Regeln – und gegen den demokratischen Präsidenten Joe Biden.

Kennen Sie Tamara Lich? Wenn nicht, empfehle ich, die ehemalige Fitness­trainerin aus den Weiten Saskatchewans genauer in Augenschein zu nehmen. Nicht ausgeschlossen, dass die just aus der für die Abspaltung West-Kanadas eintretende „Maverick“-Partei ausgetretene Funktionärin demnächst bei einer Donald-Trump-Kundgebung als Stargast vorgestellt wird.

Lich ist eine der Führungsfiguren der anfangs belächelten, inzwischen mit großem Unwohlsein betrachteten Trucker-Proteste gegen staatliche Corona-Restriktionen im Land mit dem Ahornblatt im Wappen. Hunderte Brummi-Fahrer legen seit nunmehr 18 Tagen mit ihren Lkw die kanadische Hauptstadt Ottawa lahm. Sie verlangen nicht weniger als die Rücknahme sämtlicher Impfmandate – und, wo man schon einmal dabei ist, den Rücktritt der linksliberalen Regierung von Premierminister Justin Trudeau. Querlenker in Reinform also.

Der Anlass: Mitte Januar hatten sich Kanada und die USA im grenzüberschreitenden Warenverkehr darauf verständigt, dass ungeimpfte Kanada-Trucker nach der Rückkehr aus USA zwei Wochen in Quarantäne müssen. Ungepikste US-Brummi-Lenker dürfen gar nicht nach Kanada einreisen.

Kanada: Trump klatscht Truckern Beifall

Für kanadische „Helden der Landstraße“ kein großes Problem. 90 Prozent der 120.000 Trucker sind vollständig geimpft. In Amerika sieht das anders aus. Hier bedrängt die Standes-Organisation „Independent Drivers Association“ die Biden-Regierung, für 150.000 Mitglieder Ausnahmen bei der Impfpflicht zu genehmigen.

Auch wenn Richter Hugh McLean vom Obersten Gericht der Provinz Ontario den Truckern die Schlaf raubenden Hupkonzerte untersagt hat, liegen vielen Anwohnern im Regierungsviertel von Ottawa weiter die Nerven blank. Nicht nur da. Nach dem Motto „Alle Räder stehen still“ fügen die Trucker des sogenannten „Konvois für die Freiheit“ den Volkswirtschaften der USA und Kanada erheblichen Schaden zu.

Weil große „Rigs“ die für tägliche Warentransporte im Wert von 300 Millionen Dollar verantwortliche Ambassador-Brücke zwischen Detroit und Windsor blockierten, mussten etliche Autobauer von Ford bis General Motors vorübergehend ihre Fließbänder abschalten. Das Weiße Haus in Washington zeigte sich alarmiert und forderte Justin Tru­deau zu mehr Härte im Umgang mit den motorisierten Aufmüpfigen auf.

Am Sonnabend, ein Gerichtsurteil war dem vorausgegangen, wurde die Brücke von der Polizei teilweise geräumt; weitgehend gewaltlos. Die meisten Trucker zogen rechtzeitig Leine. Womit die Sache aber nicht erledigt ist. An gut einem halben Dutzend Orten Kanadas gehen die Proteste, die Trudeau einer „Randminderheit“ zuschreibt, vehementer als zuvor weiter. Angefeuert aus dem Süden. Hier klatscht Ex-Präsident Donald Trump, der Trudeau für einen „linksextremen Irren“ hält, den Truckern eifrig Beifall.

Import des Protests ist nicht ausgeschlossen

Weil Facebook ihnen teilweise ihre Plattformen weggenommen hat, dient Trump „mit offenen Armen“ sein Mitte des Monats an den Start gehendes Alternativprojekt „Truth Social“ als neuen digitalen Marktplatz an. Flankiert wird sein Gebalze von Moderatoren rechtsgewirkter Fernsehsender wie Fox News. Dort erwecken Propagandisten wie Tucker Carlson, Sean Hannity und Laura Ingraham allabendlich den Eindruck, in Kanada sei eine moderne Freiheitsbewegung auf Rädern entstanden, die weltweit Vorbildcharakter gegen staatliche Regulierungswut beanspruchen könne.

Worum es den Lautsprechern in Wahrheit geht, ist die Mobilisierung im eigenen Land. Ein an Sam Peckinpahs Fernfahrer-Kino-Epos „Convoy“ erinnernder Protestzug von der West- an die Ostküste, ein blecherner Lindwurm, der mit ohrenbetäubendem Lärm und Trump als „Rubber Duck“ im Führerhäuschen das Regierungsviertel in Washington DC einschnürt – das wäre für die medialen Speerspitzen gegen die in republikanischen Kreisen verhasste Regierung von Joe Biden ein wahres Fest. Rand Paul, republikanischer Senator aus Kentucky, wünscht sich offiziell, dass Trucker auch US-Großstädte „verstopfen“.

Ausgeschlossen ist der Import des Protests aus dem Norden nicht. Das Heimatschutzministerium (DHS) in Washington warnt davor, dass noch vor der „Rede zur Lage der Nation“, die Präsident Biden am 1. März im Kongress hält, wichtige Verkehrsknotenpunkte in Me­tropolräumen blockiert werden könnten. Bereits am Super-Bowl-Sonntag sollte sich im kalifornischen Coachella ein Trucker-Zug in Bewegung setzen, der Anfang März in der Hauptstadt anlanden könnte. Donald Trump und Tamara Lich wären wahrscheinlich dabei.

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