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Was müssen Leistungssportler noch alles leisten?

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Mareike Miller
Mareike Miller (31) gewann 2012 paralympisches Gold im Rollstuhlbasketball und ist Kapitänin des Bundesligateams BG Baskets.

Mareike Miller (31) gewann 2012 paralympisches Gold im Rollstuhlbasketball und ist Kapitänin des Bundesligateams BG Baskets.

Foto: Michael Rauhe

Die Hamburgerin Mareike Miller, Präsidiumsmitglied von Athleten Deutschland e. V., über die Probleme der Winterspiele in Peking.

Hamburg. Leistungssporttreibende waren noch nie so sehr gefordert und unter Druck wie heute. Egal ob gerade erst aus der Schule, Mitte 20 oder gestandene Athletinnen oder Athleten: Man muss nicht nur überragende sportliche Leistungen bringen, sondern sich plötzlich mit viel Ungewissheit und entsprechend mulmigen Gefühlen in den größten Wettkampf überhaupt begeben.

Aktive, die an den Winterspielen in Peking teilnehmen, werden auf einmal zur Menschenrechtslage in China befragt. Sie müssen ihre Daten im Smartphone vor Sicherheits­lücken sichern und gleichzeitig noch verantwortungsbewusst mit vielen Hürden in Zeiten einer Pandemie die eigene und die Gesundheit anderer Menschen bestmöglich schützen, und das trotz umfangreicher Reisetätigkeit.

Sportplatz: Was Leistungssportler wirklich alles leisten müssen

Es ist logisch, aber wirklich schade, dass sie deshalb nur mit getrübter Vorfreude auf die Olympischen und Paralympischen Spiele blicken können. Es ist schließlich ein Höhepunkt ihrer aktuellen Laufbahn und ein besonderes Event, das so schnell nicht wiederkommt. Nichtsdestotrotz sind sich alle darüber im Klaren, dass hier vieles nicht optimal läuft. Die Pandemie und neue Schwierigkeiten auch durch Omikron stellen die Athletinnen und Athleten vor besondere Herausforderungen, die auch mit den gerade erst abgeschlossenen Spielen in Tokio nicht vergleichbar sind.

Die täglichen Testungen und Beschränkung auf sehr begrenzte Kontakte zur Vorsicht auf dem Weg nach Peking sind eine zusätzliche Belastung. Zudem tauchen immer wieder neue Unwägbarkeiten wie inakzeptable Quarantänebedingungen und Probleme beim Umgang mit falsch-positiven Tests auf. Zunehmend fühlen sich die Aktiven von Verbänden im Stich gelassen, weil sie mit immer wieder neuen Situationen alleine klarkommen müssen. Die persönliche, psychologische und medizinische Unterstützung sowie das Wohlbefinden der Athletinnen und Athleten gerade nach Corona-Infektionen wird zu sehr vernachlässigt.

Drohungen schränken Meinungsfreiheit ein

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat Verbesserungen für die Gegebenheiten in Peking in Aussicht gestellt. Gleichzeitig wird jedoch bekannt, dass es große IT-Sicherheitslücken der „My2022“-App gibt. Der Datenschutz ist nicht gewährleistet. Nun wird zur Nutzung von Zweitgeräten oder besonderer Konfiguration des jeweiligen persönlichen Geräts geraten. Und wieder sind die Aktiven wegen der mangelnden Fürsorge der Verbände, in diesem Falle das IOC, nicht in der Lage, über ihr Wohlbefinden und die eigene Sicherheit zu bestimmen. Immerhin haben die deutschen Verbände in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) versucht, alle bestmöglich zur Situation zu schulen.

Zu guter Letzt gibt es auch noch die prekäre menschenrechtliche Situation in China. Auch hiervon werden die Spiele in Peking überschattet. Aufforderungen zum sportlichen Boykott halte ich für falsch, da die Wirkung sehr fraglich ist und die Athletinnen und Athleten nach allem, was sie bisher schon mitgemacht haben, um überhaupt ihr Talent zu nutzen, die erwartete Leistung zu erbringen und Verträge zu erfüllen, nun wirklich nichts für die fatale Vergabe der Spiele nach Peking durch das IOC können. In der Tat ist es eher so, dass die Umstände für alle Athletinnen und Athleten sehr schwierig sind und sie sich nun auch noch Drohungen anhören müssen, die ihre Meinungsfreiheit während der Spiele einschränken.

Athleten verdienen beste Bedingungen bei den Spielen

Wenn man sich all das durch den Kopf gehen lässt, stellt sich die Frage: Warum ist der Leistungssport so geld-, macht- und entsprechend medaillengetrieben geworden? Wie schaffen wir es, den Aktiven wieder zu ermöglichen, die Freude am Sport wirklich zu genießen und mit ihrer Leistungsbereitschaft Vorbilder zu sein? Denn wenn man sich bei einem sicher sein kann, dann wohl, dass alle, die dieses Drama mental stark überstehen und es sogar schaffen, trotz aller Schwierigkeiten über sich hinauszuwachsen, Persönlichkeiten sind, die mit und ohne Medaille Vorbilder für unsere Gesellschaft sein sollten.

Damit diese Strahlkraft entfaltet werden kann, haben es alle Athletinnen und Athleten verdient, dass IOC, nationale Verbände genauso wie Politik und Ausrichter beste Bedingungen für die Olympischen und Paralympischen Spiele bereitstellen.

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