Meinung
Leitartikel

Ach du lieber Gott! Wie die Kirche ihr Ansehen verliert

| Lesedauer: 3 Minuten
Edgar S. Hasse
Dr. Edgar S. Hasse ist Redakteur des Abendblatts und evangelischer Theologe.

Dr. Edgar S. Hasse ist Redakteur des Abendblatts und evangelischer Theologe.

Foto: Mark Sandten / MARK SANDTEN / FUNKE FOTO SERVICES

Die katholische Kirche zerlegt sich gerade selbst und zerstört ihren Markenkern. Welche Folgen das hat.

Hamburg. Hochmut kommt vor dem Fall – das erlebt der katholische Klerus jetzt am eigenen Leibe. Mit welcher Hybris haben leitende Geistliche, die sich gottgleich wähnten, jahrhundertelang die Gläubigen kleingehalten und deren natürliche Sexualität reglementiert. Stattdessen feierten die Kardinäle und Bischöfe während der Renaissancezeit Sex-Partys mit Prostituierten im Vatikan.

In diesen Monaten zerlegt sich die katholische Kirche gerade selbst. Sie zerstört von innen heraus ihren Markenkern, Mittlerin zwischen Gott und Mensch zu sein. Die Missbrauchsverbrechen an Minderjährigen, begangen von scheinheiligen Priestern, erschüttern den „Leib Christi“ (Apostel Paulus) bis ins Mark. Die unfassbare Strategie der systematischen Vertuschung beschädigt nunmehr auch die Glaubwürdigkeit von Papst emeritus Benedikt XVI. und der Weltkirche. „Wir sind nicht mehr Papst“, wendet sich die „Bild“-Zeitung enttäuscht von Joseph Ratzinger ab.

Was ist das denn für ein repressives Regime?

Darüber hinaus wirft das mutige mediale Outing von queeren Mitarbeitenden der katholischen Kirche ein bizarres Schlaglicht auf das geltende kirchliche Arbeitsrecht. Die 125 Gläubigen fordern ein Ende ihrer Diskriminierung und die Änderung der kirchlichen Gesetze, damit der offene Umgang mit sexueller Orientierung künftig kein Kündigungsgrund mehr sein darf.

Da fragt man sich als Außenstehender und Gewerkschafter: Was ist das denn für ein repressives Regime! Schwule Religionslehrer, die ihre sexuelle Identität verheimlichen müssen, damit ihnen im schlimmsten Fall nicht gekündigt wird. Priester, die heimlich Kinder haben oder ihre Geliebten zur Abtreibung drängen. Frauen, die gern Priesterinnen werden wollen, denen der Zugang zu diesem Amt von einer betagten Männerriege mit selbst ernannter Deutungshoheit aber verwehrt wird. Und zölibatär lebende pädophile Geistliche, die Messdiener missbrauchen und danach Gläubigen die Hostie reichen.

Kirchenaustritte im Erzbistum Köln haben Rekordniveau erreicht

Man kann verstehen, wenn Katholiken sagen: Jetzt gehen wir! So haben die Kirchenaustritte im Erzbistum Köln ein Rekordniveau erreicht. Im Erzbistum Hamburg ging die Mitgliederzahl von mehr als 400.000 auf 386.000 zurück, was nur zum Teil auf den demografischen Wandel zurückzuführen sein dürfte. Die katholische Kirche gerät durch die Missbrauchsfälle und ihre unzeitgemäße Sexualmoral in den Strudel eines eklatanten Ansehens- und Bedeutungsverlustes.

Auch in der evangelischen Kirche, die ihre eigene Missbrauchsgeschichte hat, setzt sich die Austrittsbewegung fort. Dieses Jahr bringt religionssoziologisch einen Kipppunkt. Erstmals in der deutschen Geschichte wird nur noch weniger als die Hälfte der Deutschen einer der beiden großen Kirchen angehören. Christen sind auf dem Weg zur Minderheit in diesem Land.

Die Demokratie braucht funktions­fähige Religionsgemeinschaften

Ich sehe diese Entwicklung mit Sorge. Die Demokratie braucht funktions­fähige Religionsgemeinschaften, die das jüdisch-christliche Wertefundament unserer Gesellschaft und die Frage nach Gott lebendig halten. Ein Land, das Gott vergisst, wird gottlos und damit unbarmherzig. Wir brauchen Gottes Bodenpersonal, das professionell vom Schöpfer dieser Welt und seiner Liebe erzählt, damit die Geschöpfe nicht selbst zu Göttern werden – im vermeintlichen Glauben, alles im Griff zu haben. Die Pandemie zeigt doch, wie verletzbar, sterblich, endlich wir sind.

Deshalb ist jedem Katholiken, jeder Katholikin Respekt zu zollen, die sagen: Wir bleiben! Sie alle stehen vor der gewaltigen Aufgabe, die Chancen der Erneuerung auf dem Synodalen Weg zu nutzen und eine zeitgemäße Sexualmoral zu fordern.

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