Meinung
Leitartikel

Hamburg: Von wegen Gründerhauptstadt

| Lesedauer: 3 Minuten
Volker Mester
Volker Mester ist Wirtschaftsredakteur des Hamburger Abendblatts.

Volker Mester ist Wirtschaftsredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Klaus Bodig / HA

Jungen Unternehmen fehlt Kapital. Was die Hansestadt tun muss, um wirklich zur Hochburg innovativer Start-ups zu werden.

Hamburg. Es ist schon erstaunlich, wie stark das Selbstbild Hamburgs in manchen Fällen von den Tatsachen abweicht. Das gilt zum Beispiel für die angebliche Internationalität der Hafenstadt. Gemessen an den Fakten – so liegt etwa der Ausländeranteil an den Studierenden bei 12,5 Prozent, in Berlin sind es 18 Prozent und in München 24 Prozent – mutet Hamburg aber doch eher provinziell an.

Zudem sieht sich Hamburg als Gründerhochburg in Deutschland. Dies geht ebenfalls an der Realität vorbei. Die Metropole an Elbe und Alster ist zwar die zweitgrößte Stadt der Bundesre­­pu­blik, doch spiegelt sich das in den Perspektiven „echter“ Start-ups, also innovativer Jungfirmen, nicht wider.

Hamburg muss Defizite anerkennen

Wie aktuelle Studien belegen, ist Hamburg gegenüber Berlin und München weit abgeschlagen, was die Versorgung der Gründer mit Investorenkapital angeht. Das liegt nicht etwa daran, dass es in der Hansestadt weniger Vermögen gäbe als in anderen deutschen Wirtschaftsregionen. Hamburgs reiche Unternehmer sind nur, wie es im Umfeld der Start-ups heißt, in Finanzdingen besonders konservativ und wollen ihr Geld nicht durch ein notwendigerweise unsicheres Investment in eine neuartige Geschäftsidee aufs Spiel setzen.

Eine solche Mentalität schafft nicht die besten Voraussetzungen dafür, dass ein neues Apple oder Google einmal aus Hamburg kommt. Ein Anfang wäre, unangebrachten Lokalpatriotismus beiseitezulassen und erst einmal zuzugeben, dass es Defizite gibt.

Trade Republic kommt aus Berlin

Stattdessen hört man von Hamburger Wirtschaftsvertretern häufig – wenn auch meist inoffiziell –, Berlin punkte eher mit Masse, während die Start-ups mit wirklich soliden Geschäftsmodellen und Substanz in der Hansestadt zu finden seien. Nun kann man sicher darüber streiten, ob die Welt einen Lebensmittel-Lieferdienst, dessen Fahrer schon nach höchstens zehn Minuten klingeln (Gorillas, Firmensitz Berlin), auch noch in einer Zeit nach Corona tatsächlich braucht. Aber aus Berlin kommt unter anderem auch der Gratis-Onlinebroker Trade Republic, der es immerhin schon geschafft hat, die Anlagekultur in Deutschland innerhalb kürzester Zeit ein Stück weit zu verändern.

Zweifellos hat Hamburg außer den risikoscheuen Reichen noch einen zweiten Nachteil als Ort für Gründer: Wie die OECD der Stadt im jüngsten Bericht zur Regionalentwicklung bescheinigte, ist die Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft „ausbaufähig“, die Forschung sei „nicht immer auf die wirtschaftlichen Erfordernisse abgestimmt“. So ist der Anteil der Studierenden in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) vergleichsweise gering.

Hamburg muss sich auf eigene Stärken konzentrieren

Doch was kann Hamburg tun, um als Start-up-Standort ähnliche Strahlkraft zu entwickeln wie die Bundeshauptstadt? An der Ausrichtung der Hochschullandschaft und der Mentalität der Unternehmer wird sich so schnell nichts ändern lassen. Umso wichtiger wäre es, sich auf die eigenen Stärken zu konzen­trieren.

Mit dem „Digital Hub Logistics Hamburg“, der Großunternehmen des Logistiksektors mit Start-ups, Investoren und Forschung zusammenbringt, hat das gut funktioniert. Ähnliche Einrichtungen für die in Hamburg starke Gesundheitswirtschaft, für den Bereich Ernährung oder auch für das Zukunftsfeld Künstliche Intelligenz könnten ebenfalls Signalwirkung entwickeln.

Fachleute kommen gerne nach Hamburg

Denn darauf kommt es an, schon um hochkarätige Experten anzuziehen, wenn man sie nicht vor Ort selbst ausbildet. Zumindest in dieser Hinsicht hat Hamburg keine Nachteile: Wie alle Studien und Umfragen belegen, kommen auswärtige Fachleute sehr gern in diese Stadt, um hier zu arbeiten und zu leben.

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