Meinung
Dohnanyi am Freitag

Corona-Pandemie: Die Angst vor der Zukunft

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Matthias Iken
Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Sven Simon/Andreas Laible / imago images/HA

Hamburgs Altbürgermeister Klaus von Dohnany im Gespräch mit Matthias Iken. Heute über die Spaltung der Gesellschaft.

Hamburg. Matthias Iken: Angesichts des Streits um die Bekämpfung der Corona-Pandemie fürchten immer mehr Menschen eine Spaltung der Gesellschaft. Ist das eine realistische Zustandsbeschreibung oder doch eine Übertreibung?

Klaus von Dohnanyi: Es gibt offenbar in allen Gesellschaften größere politikkritische Gruppierungen, die sich heute eben an Corona festmachen. Das Thema ist eigentlich für sie nicht wirklich wichtig. Interessant ist, dass sie im alten Politikschema weder rechts noch links einzuordnen sind. Auch die Bezeichnung „undemokratische Populisten“ führt nicht weiter. Wenn nämlich kürzlich bei der Bundestagswahl in Sachsen eine größere Zahl der Direktmandate an die AfD fiel, kann man das nicht einfach „undemokratisch“ nennen – schließlich sind Wahlen der demokratischste politische Vorgang, den wir haben. In einigen Ländern Europas hat man versucht, diese Gruppierungen in die Regierungen einzubinden. Mit Erfolg? Könnte man so die Populisten spalten? Denn die Lage wird demokratisch vielleicht doch gefährlicher, als wir glauben.

Iken: Woher rührt diese Unruhe?

Dohnanyi: Eigentlich ist das nicht schwer zu erklären: Auf relativ hohem Wohlstand und lange erfahrener Sicherheit sehen wir eine Zukunft vor uns, die kaum etwas von dem versprechen kann, woran wir uns gewöhnt hatten. Alles wird anders: Klimawandel; digitalisierte Arbeit; Inflationserwartungen; Migration; Kriegsgemunkel; und dann kommt auch noch Corona hinzu! Das Vertrauen, dass die Politik diese Entwicklungen meistern kann, ist geschwunden. Die Menschen sind verängstigt, für sich und für ihre Kinder. Wer zeigt ihnen den Weg in eine vertrauenswürdige Zukunft? Ja, gibt es eine solche überhaupt noch? Gefährliche Zeiten für Quacksalber und Verschwörungstheorien.

Iken: Was kann Politik leisten, um die Gräben zuzuschütten?

Dohnanyi: Ich glaube nicht, dass das so einfach gelingen kann. Dafür fehlt Vertrauen. Es ist aber die Aufgabe der Politik, Hoffnung zu stiften. Die erwächst nicht aus dem Klein-Klein politischer Programme; so kann man begründete Zukunftsängste nicht vertreiben! Ein Satz wie „Wir schaffen das!“ wäre da vermutlich wirksamer. Oder die berühmte Kampagne des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt in der großen Depression der 30er-Jahre: „Happy days are here again!“ und seine abendlichen Radiogespräche mit den Hilfe suchenden Menschen. Zuversichtliche und verständliche Kommunikation ist oft wichtiger als die schönsten Programme. Hier liegt eine große Aufgabe der Politik in Zeiten tiefer Umbrüche.

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