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Muss die Show wirklich weitergehen?

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Rainer Grünberg
Rainer Grünberg ist freier Mitarbeiter des Hamburger Abendblatts.

Rainer Grünberg ist freier Mitarbeiter des Hamburger Abendblatts.

Foto: Ha / HA / Mark Sandten

Mit Corona werden sportliche Großveranstaltungen zur Lotterie. Die Regularien sollten daher den Umständen angepasst werden.

Hamburg. Es sind die Festtage des Sports, Europa-, Weltmeisterschaften, Olympische Spiele, Höhepunkte für Aktive und Fans, Quotenbringer der Fernsehsender. Das Jahr 2022 ist wieder voll davon, beginnend mit der Handball-EM in Ungarn und der Slowakei, die am Donnerstag gestartet ist, gefolgt von den Winterspielen im Februar in Peking und Umgebung, zum Jahresabschluss die Fußball-WM in Katar.

Abgesehen von der Kontroverse, ob nun China und Katar geeignete Gastgeber dieser Ereignisse sind, bleibt die Diskussion, welchen sportlichen Wert kontinentale und globale Meisterschaften angesichts der Corona-Pandemie überhaupt haben. Wer etwa nach den Favoriten der Handball-EM fragt, bekommt nicht Weltmeister Dänemark oder Olympiasieger Frankreich zur Antwort, sondern dass diejenige Mannschaft gewinnt, die Corona besiegt.

Müssen Sport-Großveranstaltungen in der Corona-Pandemie wirklich sein?

Dass Infektionen und Quarantäne den fairen sportlichen Wettbewerb verzerren, musste selbst der mit einem Luxuskader bestückte deutsche Fußball-Rekordmeister Bayern München zum Bundesliga-Rückrundenauftakt vergangenen Freitag gegen Borussia Mönchengladbach erfahren. Die Bayern verloren 1:2 – und den Glauben an Gerechtigkeit. Und vor der Wiederaufnahme der Zweiten Fußball-Bundesliga an diesem Freitag fragte das Abendblatt fürchtend: „Entscheidet Corona den Aufstieg?“

Weil Sport längst nicht mehr die schönste Nebensache der Welt, vielmehr ein Milliardengeschäft ist, Vereine und Verbände am Tropf von Sponsoren- und TV-Verträgen hängen, grenzte es 2020 an ein Wunder, dass die Olympischen Sommerspiele in Tokio um ein Jahr verschoben wurden. Sie ganz ausfallen zulassen war dann weder für Sportler noch Funktionäre eine neue Variante, obwohl die ohnehin kaum vorhandene Chancengleichheit zuvor noch ein Stück mehr gelitten haben mag. Zu unterschiedlich sind nun mal die Möglichkeiten der Pandemiebekämpfung in den einzelnen Ländern und Kontinenten, abgesehen davon, dass das weltweite Dopingkontrollsystem durch Reisebeschränkungen für die Inspizierenden zwischenzeitlich kollabierte.

Mit Corona bestehen ganz andere Gefahren

Wie aber sollen Leistungen gewürdigt werden, wenn die Umstände, unter denen sie und gegen wen sie erbracht wurden, nicht nachvollziehbar sind, wenn nicht mehr die Besten gegeneinander antreten, sondern die Erstbesten, die gerade noch einen negativen Test vorweisen können; wenn Meisterschaften zur Lotterie werden? Schon zu Hochdopingzeiten in den 70er- bis in die 90er-Jahre war es unmöglich, vorbehaltlos Siegerinnen und Siegern zuzujubeln, Rekorde zu feiern. Heute wissen wir, dass wir allzu oft Betrügerinnen und Betrügern gehuldigt, die Betrogenen indes des Versagens bezichtigt haben.

Bei Corona bestehen andere Gefahren. Wie sicher sind Tests, wie konsequent können Infektionsketten verfolgt werden, wann sind Genesene genesen, wissen wir genug über die Folgen von Long Covid für Hochleistungssportler und -sportlerinnen? Und welchen Schutz bietet welcher Impfstoff für Menschen, die ihr Immunsystem bis über den Anschlag hinaus belasten? Es bleibt in Zeiten wie diesen ein Spiel mit vielen Unbekannten, Sportlerinnen und Sportler diesen Risiken auszusetzen. Must the Show wirklich go on?

Wie man Umgang mit Corona verträglicher machen könnte

Nur: Wo sind die Alternativen, sehnen wir uns doch alle nach dem zurück, was wir einmal als Normalität empfunden haben. Dazu gehörten Welt- und Europameisterschaften, Olympische Spiele, auch die großen Handball-Turniere. Regelmäßige Bewegung bleibt nun mal die beste Medizin, und Vorbilder sind die erfolgreichsten Animateure. Die liefern wiederum die großen Sportveranstaltungen und die populären Ligen. Sie auszusetzen, ihren Betrieb einzustellen könnte andere Kollateralschäden verursachen. Aber: Die bisweilen starren Regularien den Herausforderungen der Pandemie flexibel anzupassen, Terminpläne zu entzerren, die Gesamtzahl der Spiele, der Wettbewerbe vorübergehend zu reduzieren wären Maßnahmen zum verträglicheren Umgang mit Corona.

Dass bei der Handball-WM die Finalisten in 17 oder 18 Tagen neun Spiele absolvieren müssen, das ist – Wahnsinn.

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