Meinung
Deutschstunde

Ein kleines Wörtchen aus vier Buchstaben nur

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Der Autor schreibt hier an jedem Dienstag über die Tücken der deutschen Sprache.

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Foto: HA

Bemerkungen über „aber“ und „Aber“, die gar nicht so banal sind, wie sie zu sein scheinen – etwa die Sache mit dem Komma

Nachdem Weihnachten überstanden und Silvester abgehakt ist, warte ich nun wenig zuversichtlich auf die Ereignisse des Jahres 2022. Selbst in meinem Alter beschleicht mich „zwischen den Jahren“ immer so ein eigenartiges Gefühl, das mich für diffuse Zeichen des Aberglaubens empfänglicher macht, als es im Sommer geschehen könnte. Vielleicht sollte ich auch nicht „in“ meinem Alter sagen, sondern „wegen“ meines Alters. In diesem Lebensabschnitt scheint die Zukunft endlich zu sein.

Heißt es eigentlich „der Aberglaube“ oder „der Aberglauben“? Das können Sie halten, wie Sie wollen. Beides ist möglich. Der Aberglaube[n] ist laut Universalwörterbuch ein „als irrig angesehener Glaube an die Wirksamkeit übernatür­licher Kräfte in bestimmten Menschen und Dingen“. Die Vorsilbe „aber“ erscheint hier in der veralteten Bedeutung „falsch, schlecht“. Wir finden sie auch in den Wörtern „Abersinn“ oder „Aberwitz“: Der Aberwitz (die Sinnlosigkeit) seiner Lage ließ ihm keine Wahl. Verbreiteter sind Wendungen mit dem „Aberglauben“: Das ist ein dummer Aberglaube; aus Aberglauben verzichtet man auf die Zimmernummer 13 – oder etwas salopper: Der größte Aberglaube ist der Glaube an die Vorfahrt.

Überhaupt das Wörtchen „aber“ – vier Buchstaben, millionenfach gebraucht, jedoch nicht einheitlich in der Bedeutung. Auch hier gilt es, als Erstes die Wortart zu ergründen (oder zu erspüren, falls wir Muttersprachler sind).

1. Als Konjunktion (Bindewort) drückt „aber“ einen Gegensatz aus („heute nicht, aber morgen“), drückt aus, dass etwas nicht der Erwartung entspricht („es wurde dunkel, aber wir machten kein Licht“) oder drückt eine Einschränkung aus („arm, aber nicht unglücklich“). Es kann auch eine Weiterführung verstärken („als es aber dunkel wurde, machten sie Rast“) oder einen Einwand darstellen („aber warum denn?“).

2. Eine Partikel ist in der Sprachwissenschaft ein nicht flektierbares Wort, das eine Aussage oder einen Ausdruck modifiziert und selbst kein Satzglied darstellt. Auch das Wort „aber“ kann eine Partikel sein. Entweder drückt sie in diesem Fall eine Verstärkung aus („aber ja; aber gern“; „verschwinde, aber dalli!“) oder eine gefühlsmäßige Anteilnahme („aber, aber!“; „du spielst aber gut!“; „aber, meine Herrschaften!“).

3. Veraltet und nur in festen Wortverbindungen steht „aber“ als Adverb im Sinne von „wiederum“: „aber und abermals“ (immer wieder).

4. Nachdem wir alle „aber“-Wörter fein säuberlich in die Schubladen der unterschiedlichen Wortarten gelegt haben, brechen einige Exemplare aus und werten sich auf. Durch eine Substantivierung entsteht das Hauptwort „das Aber“. Hauptwörter schreibt man bekanntlich groß, sodass wir nun die großen „A“ aus dem Setzkasten holen müssen: „kein Aber!“; „die Sache hat ihr Aber“; „ohne jedes Wenn und Aber“; „Schluss jetzt mit dem Hätte und Wäre und Wenn und Aber!“ Als unbestimmtes Zahlwort für große Mengen schreiben wir es groß: Aberhundert Sterne; das Jubilieren Abertausender kleiner Vögel.

Ich weiß, Sie haben das Wörtchen bereits unzählige Male richtig gesprochen und geschrieben, als dass Sie es sich hier derart pingelig erklären lassen müssten. Doch haben Sie dabei auch die Zeichensetzung beachtet? Wenn es sich bei „aber“ um eine adversative Konjunktion handelt, also um ein den Gegensatz ausdrückendes Bindewort, dann steht vor „aber“ immer ein Komma: kein Regen, aber Sturm; schön, aber teuer; kein Auto, aber ein neues Fahrrad. Verbindet „aber“ Sätze, so braucht es nicht an der Spitze des zweiten Satzes zu stehen. Trotzdem werden beide Sätze stets durch Komma getrennt: Er war begabt, aber in der Schule versagte er; er war begabt, in der Schule aber versagte er.

Als Zugabe eine Regel, die noch eindeutiger, nützlicher und leicht zu merken ist: Vor der adversativen Konjunktion „sondern“ steht immer ein Komma, immer, und zwar direkt davor! Dasselbe gilt für die zweiteilige Konjunktion „nicht nur, sondern auch“. Er arbeitet nicht langsam, sondern genau; sie bleiben nicht nur heute, sondern auch morgen; das ist keine Schikane, sondern deutsche Sprache.

deutschstunde@t-online.de

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