Meinung
Post aus Washington

Haften Eltern für das Schulmassaker ihres Sohnes?

| Lesedauer: 4 Minuten
Dirk Hautkapp
Dirk Hautkapp  ist der US-Korrespondent des  Hamburger Abendblatts.

Dirk Hautkapp ist der US-Korrespondent des Hamburger Abendblatts.

Foto: Privat

Nach Schießerei mit vier Toten sind auch Mutter und Vater des 15-Jährigen festgenommen worden. Tatwaffe sollte Weihnachtsgeschenk sein.

Washington. Kennen Sie Hana St. Juliana, Tate Myre, Madisyn Baldwin and Justin Shilling? Wenn nicht, empfehle ich, die nur 14 bis 17 Jahre alt gewordenen Teenager aus dem Bundesstaat Michigan nicht aus dem Blick zu verlieren. Sie standen vor hoffnungsvollen Karrieren. Sie hatten Träume und Ziele. Alles vorbei.

Die in Amerika nicht enden wollende Seuche der Schusswaffen-Gewalt hat sie aus dem Leben gerissen. Die Umstände sind diesmal besonders himmelschreiend. Es geht um einen seltenen Fall von „Eltern haften für ihre Kinder“. Am Wochenende wurden die wegen des Anklagevorwurfs der fahrlässigen Tötung gesuchten James und Jennifer Crumbley auf der Flucht festgenommen.

Jugendlicher erschoss vier Mitschüler

Ihr 15-jähriger Sohn Ethan hatte zu Wochenbeginn in der Oxford High School in der Nähe von Detroit vier Mitschüler erschossen. Sechs weitere Kinder und eine Lehrerin wurden verletzt. Nach Überzeugung von Staatsanwältin Karen McDonald haben die Eltern die in diesem Jahr bislang folgenschwerste Schul-Schießerei in den USA (es war die 30.) begünstigt, wenn nicht gar ermöglicht. Ethans Vater hatte die halbautomatische Tatwaffe vom Typ „9 mm“ Sig Sauer kurz vor der Bluttat gemeinsam mit seinem Sohn gekauft; es sollte ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk sein.

Ethan Crumbley, so die bisherigen Ermittlungen, nahm die Pistole aus einer nicht gesicherten Schublade im Elternhaus. Zuvor hatten Lehrer den Teenager dabei ertappt, als er im Unterricht auf seinem Smartphone nach Munition suchte. Die Schulleitung alarmierte die Mutter per Telefon.

„Ich bin nicht böse auf dich"

Jennifer Crumbley tat den Vorgang ab: „Ich bin nicht böse auf dich. Du musst lernen, dich nicht erwischen zu lassen“, schrieb sie ihrem Sohn per SMS. Am Morgen der Tragödie wurde der Junge samt Eltern in die Schule zitiert. Auf seinem Pult fand man eine Zeichnung mit dem Satz: „Die Gedanken hören nicht auf. Helft mir.“ Daneben war ein Bild von einer Pistole zu sehen. Ethan hatte eine Patrone und eine Leiche gezeichnet.

Verbunden mit Aussagen wie „Mein Leben ist nutzlos“, „Die Welt ist tot“ und „Blut überall“. Trotz dieser Signale weigerten sich die Crumbleys, ihren Sohn aus dem Unterricht zu nehmen. Warum die Schulleitung Ethan nicht sofort suspendierte und Polizei wie Psychologen einschaltete, ist unbekannt.

Jugendlicher drückte fast 30-mal ab

Als die Eltern die Schule verlassen hatten, klaubte der Junge auf der Toilette die Pistole aus seinem Rucksack und drückte fast 30-mal ab. Die Tat, für die noch kein Motiv bekannt ist, hatte er am Abend zuvor in einem Handy-Video angekündigt, sagt die Polizei.

Dass die Eltern trotz unüberseh­barer Warnzeichen untätig blieben und ihrem Sohn den Zugang zu einer tödlichen Waffe ermöglichten, ist aus Sicht von Staatsanwältin McDonald „kriminell“. Ethan Crumbley ist des vierfachen Mordes angeklagt. Auch Terrorismus wirft man ihm vor. Trotz seines jungen Alters wird er nach Erwachsenenstrafrecht behandelt. Im Falle einer Verurteilung droht ihm Gefängnis bis ans Lebensende. Seine Eltern, die auf unschuldig plädieren, müssen im schlimmsten Fall mit 15 Jahren Haft rechnen.

Staatsanwältin will ein Exempel statuieren

Alle drei sitzen in getrennten Trakten des Bezirksgefängnisses von Pontiac. Staatsanwältin McDonald will mit der Strafverfolgung der Eltern ein Exempel statuieren. Dahinter stehen bedrückende Zahlen. Seit dem Massaker von Columbine 1999 konnten bei rund 150 Schießereien an Schulen 80 Prozent der von Tätern im Kinder- und Jugendalter benutzten Waffen in die Haushalte von Eltern, Freunden und Verwandten zurückverfolgt werden.

Allein: Nur in amerikaweit an zwei Händen abzuzählenden Fällen wurden Erwachsene zur Rechenschaft gezogen. Ein Beispiel. Ein Mann wurde zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, weil er sein Schießeisen in einem Schuhkarton deponiert hatte. Ein Junge (6) fand die Waffe bei einem Besuch und erschoss in seiner Schule einen Mitschüler.

Eltern hätte der psychische Zustand auffallen müssen

Karen McDonald ist sich sicher: Die Crumbleys hätten den Amoklauf ihres Sohnes bei mehr Aufmerksamkeit (für den psychischen Zustand von Ethan) und Sorgfalt (bei der Aufbewahrung der Pistole) „stoppen können“. Ob ihr vor einer Geschworenen-Jury der Nachweis gelingt, dass die Crumbleys „grob fahrlässig“ agiert haben, ist offen. Es gibt in Michigan kein Gesetz, das die sichere Aufbewahrung von Waffen vor dem Zugriff durch Minderjährige vorschreibt.

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