Meinung
Leitartikel

Nach Sieg gegen Schalke: St. Paulis große Chance

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Der Autor ist Redakteur im Abendblatt-Sportressort.

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Foto: Klaus Bodig / HA

Der Hamburger Kiezclub verbucht 35 Punkte auf dem Konto. Warum der Zweitliga-Herbstmeister jetzt seinen Vorsprung auch nutzen sollte.

Hamburg. Wie hätten Sie als Fußballinteressierter wohl reagiert, wenn Ihnen am Nachmittag des 3. Januar dieses Jahres jemand prophezeit hätte, dass der FC St. Pauli elf Monate später mit einem Heimsieg gegen den FC Schalke 04 vorzeitig Herbstmeister in der Zweiten Liga wird und nach 16 Spielen satte 35 Punkte auf dem Konto hat? Müde belächelt, laut zur Ernsthaftigkeit ermahnt oder wegen kompletten Realitätsverlustes gleich zur Behandlung geschickt?

Zur Erinnerung: Die Mannschaft des FC St. Pauli hatte an jenem eisigen Sonntagnachmittag im leeren Sportpark Ronhof in Fürth passend zur Geisterkulisse eine gruselige Vorstellung abgeliefert, war mit der 1:2-Niederlage bestens bedient und taumelte als Tabellen-17. mit mickrigen acht Punkten aus 13 Spielen Richtung Dritte Liga. Von der zum Jahreswechsel ausgerufenen Wende war nichts zu erkennen. War es doch zu riskant gewesen, auf das im Profibereich nahezu unerfahrene Trainertalent Timo Schultz zu setzen und ihm auch noch zuzubilligen, zwei damals 27-Jährige als Co-Trainer an seine Seite zu holen?

FC St. Pauli: Mannschaft wurde immer besser

Heute wissen wir, dass das gewiss nicht selbstverständliche Festhalten an genau diesem Trio – nebst Torwart­trainer Mathias Hain – genau richtig war. Die Mannschaft legte eine grandiose Rückrunde hin und konservierte diese Form bis heute. Mehr noch: Sie wurde in den vergangenen Monaten immer noch besser, strotzt vor Selbstvertrauen und kann auf Rückschläge mit Siegesserien reagieren. Ja, selbst der Ausfall seines Cheftrainers hält das Team nicht davon ab zu siegen, was auch daran liegt, dass Timo Schultz von Anfang an seinen beiden Assistenten Loic Favé und Fabian Hürzeler in der täglichen Arbeit ein hohes Maß an Eigenverantwortung zugetraut und zugestanden hat.

Die jetzt vorzeitig feststehende Herbstmeisterschaft in der Zweiten Liga ist aber auch nur ein Etappenziel für die Mannschaft, die Sportchef Andreas Bornemann in vier Transferperioden zum Teil sehr kreativ, aber vor allem klug und gezielt zusammengestellt hat. Der von Bornemann forcierte personelle Umbau hat anfangs gewiss nicht jedem St.-Pauli-Anhänger gefallen.

St. Pauli muss Effektivität beibehalten

Heute wissen wir, dass er notwendig war, um die Qualität der Mannschaft auf ein neues Niveau zu heben. Manch einer reibt sich mittlerweile die Augen, welch technisch feiner Fußball von den Braun-Weißen zele­briert wird. Dass dabei der körperliche Einsatz nicht zu kurz kommt, beweisen regelmäßig die Daten zur Laufleistung. Es macht, bei aller zu wahrenden Objektivität des Reporters, einfach Spaß, dieser St.-Pauli-Mannschaft zuzuschauen.

In den beiden verbleibenden Spielen im Dezember und vor allem in den Partien bis Mitte Mai wird es jetzt darauf ankommen, die bisherige Spielfreude und gleichzeitige Effektivität beizubehalten. Die Chance, nach elf Jahren in die Bundesliga zurückzukehren, ist gerade deshalb besonders groß, weil sich bisher kein Ligakonkurrent als wirklich stabil erwiesen hat. Es wird nun darauf ankommen, diese vielversprechende Konstellation konsequent zu nutzen, ohne dabei zu verkrampfen oder sich von Nebengeräuschen wie lukrativen Angeboten aus dem Konzept bringen zu lassen.

Aufstieg wäre für den St. Pauli eine gute Chance

Schon heute aber ist es erfreulich festzustellen, dass nach vielen Jahren endlich das Kerngeschäft des FC St. Pauli, nämlich der Profifußball, mit den zahlreichen anderen, seit langer Zeit offensiv und erfolgreich betriebenen Bereichen wie Vermarktung, Merchandising, Markenpflege und nicht zuletzt dem sozial- und sportpolitischen Engagement mithält.

Dass all diese Aktivitäten mit einer Mannschaft in der höchsten Spielklasse noch besser funktionieren und Gehör finden, liegt auf der Hand. Nicht zuletzt wäre der Aufstieg dank der deutlich höheren TV-Gelder der schnellste Weg, die wirtschaftlichen Einbußen der Corona-Krise zu kompensieren.

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