Meinung
Leitartikel

Corona-Pandemie: Ja zu Geisterspielen

| Lesedauer: 4 Minuten
Stephan Steinlein
Stephan Steinlein ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Stephan Steinlein ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Mark Sandten

In der Hochphase der Pandemie wäre es besser, auf Großveranstaltungen zu verzichten – für volle Stadien ist jetzt nicht die Zeit.

Einen Punkt sollte ich gleich zu Beginn klarstellen: Ich mag Fußball. Sogar sehr. Am liebsten live im Stadion, öfter noch im Radio, am häufigsten im Fernsehen. Egal ob Sie live dabei sind oder die Übertragung hören – den meisten Spaß macht es, wenn das Stadion proppenvoll ist und die Arena bebt. Nur: Dafür ist jetzt leider nicht die Zeit. Denn beben tut etwas ganz anderes: eine außer Kon­trolle geratene Pandemie.

Die Gründe haben wir hier zigmal analysiert. Die Kurzfassung: Es sind in allererster Linie die Ungeimpften, die die ohnehin unter Personalnotstand leidenden Kliniken wieder an die Belastungsgrenze und darüber hinaus treiben. Die Inzidenz der Geimpften in Hamburg lag zuletzt bei unter 25, die der Ungeimpften bei fast 900. Das entspricht in etwa auch dem Verhältnis der Corona-Patienten auf den Intensivstationen.

50.000 Zuschauer in ein Stadion zu lassen ist verantwortungslos

Was das mit Fußball zu tun hat? Leider eine Menge. Ende September hätten wir alle in Deutschland geimpft – und damit geschützt – sein können. Dann hätten keine Politiker mehr Obergrenzen in Stadien oder Sporthallen beschließen und Vereine damit in Existenzkrisen bringen müssen. Das Angebot war da, Impfstoff gab es genügend, die Impfkapazitäten reichten aus. Nur: Die Herdenimmunität haben wir wegen der vielen Verweigerer längst nicht erreicht – auch in Hamburg nicht. Wo übrigens, um auch auf die Verantwortung des Senats einzugehen, fahrlässig Deutschlands größtes Impfzentrum geschlossen wurde – obwohl klar war, dass der Druck auf die Ungeimpften würde steigen müssen und gleichzeitig das massenhafte Interesse an der Drittimpfung aufkommen würde. Die Folgen dieses Fehlers dokumentieren die ewig langen Schlangen, die sich täglich vor Impfstellen bilden.

Jetzt steckt der Karren im Dreck, wie man so sagt. Und rausbekommen wir ihn nur mit einem Bündel unangenehmer Maßnahmen. Die eine ist der massive Druck, der durch die flächendeckende 2G-Regelung Ungeimpfte nahezu vom öffentlichen Leben ausschließt. 2G gilt beim Shoppen, 3G am Arbeitsplatz. Eine weitere Maßnahme ist die Obergrenze für Großveranstaltungen, es folgt demnächst die Impfpflicht in der Pflege, dann kommt im Frühjahr (vermutlich) die generelle Impfpflicht.

Zurück zum Fußball. 50.000 Zuschauer in ein Stadion zu lassen – wie am vergangenen Sonnabend in Köln – ist verantwortungslos. Solche Ansammlungen will man jetzt verhindern. Deshalb gilt künftig eine Obergrenze von 15.000. Nur: Warum 15.000? Warum nicht 10.000 oder 20.000? Die Begrenzung ist willkürlich. Was auch beschlossen wurde: In Regionen mit sehr hohen Infektionszahlen sollen Großveranstaltungen abgesagt oder durch Geisterspiele ersetzt werden. Warum sollen und nicht müssen?

Die Begrenzung ist willkürlich

15.000 Zuschauer in einem großen Stadion sind sicher nicht das Problem. Aber auch 15.000 Zuschauer müssen an- und abreisen – sehr viele von ihnen in überfüllten Bahnen. 15.000 Zuschauer stehen vor dem Stadion an, drängeln, warten, müssen aufwendig kontrolliert werden. Auch wenn das im Freien passiert – ist das noch verantwortungsvoll bei einer außer Kontrolle geratenen Pandemie?

Bei einer neuen und kaum erforschten Mutation namens Omikron? Was macht dieses mutierte Virus? Ist die Übertragung im Freien ähnlich risikoarm wie bei Delta? Wir wissen es nicht. Was wir wissen, ist, dass halbherzige Beschlüsse wie der zu den Großveranstaltungen dazu beigetragen haben, dass wir an diesem Punkt angelangt sind.

Die Pandemie kostet Deutschland mehr als 500 Milliarden Euro. Wo bitte ist da das Problem, Zuschauer für ein paar Wochen wieder komplett auszuschließen und Fußballclubs für entgangene Einnahmen zu entschädigen, bis die Pandemie wieder unter Kontrolle ist?

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