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Die letzte Rettung vor der Super League

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Henrik Jacobs ist HSV-Reporter in der Sportredaktion des Abendblatts.

Henrik Jacobs ist HSV-Reporter in der Sportredaktion des Abendblatts.

Foto: Marcelo Hernandez / Funke Foto Services

Dortmund hat im Topspiel gegen die Bayern die Chance, die Bundesliga spannend zu halten. Langfristige Hoffnung gibt es kaum.

Hamburg. Es ist ziemlich genau drei Jahre her, dass ich das bislang letzte Mal bei einem Bundesligaspiel mitgefiebert habe. Sonnabend, 18.30 Uhr, Signal-Iduna-Park. Borussia Dortmund spielte zu Hause gegen Bayern München. Es war eine packende Partie. Am Ende gewann der BVB durch das Tor von Paco Alcacer mit 3:2 und baute seinen Vorsprung an der Tabellenspitze auf sieben Punkte aus. Ein Vorsprung, der sogar noch nach dem 20. Spieltag Bestand hatte. Doch dann bröckelte leider nicht das „bajuwarische Imperium“, wie ich es an dieser Stelle vor dem deutschen Clasico im November 2018 noch prophezeit hatte, sondern der Vorsprung der Dortmunder.

Am Ende der Saison waren mal wieder die Bayern Meister. Zum siebten Mal in Folge. Mittlerweile sind es neun Meisterschaften in Serie. La Décima, der zehnte Titel, ist kaum zu verhindern. Die Dominanz der Bayern im deutschen Fußball ist so deutlich, dass mich die Bundesliga mittlerweile, auch bedingt durch meine Tätigkeit als HSV-Reporter, nur noch am Rande interessiert.

Meine Hoffnung trägt einen Namen: Haaland

Am Sonnabend aber werde ich vermutlich mal wieder bewusst den Weg in eine Bar suchen, um ein Bundesligaspiel zu sehen. 18.30 Uhr, Signal-Iduna-Park. Wieder trifft Borussia Dortmund auf die Bayern. Und wieder habe ich die Hoffnung, dass zumindest mal wieder so etwas Ähnliches wie Spannung entstehen kann für den Rest der Saison. Meine Hoffnung trägt einen Namen: Haaland. Erling Haaland. Der Superstürmer aus Norwegen hätte sich keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können für seine Startelfrückkehr nach einer wochenlangen Muskelverletzung.

Einen Punkt liegt der BVB derzeit nur hinter den Münchnern, denen die Debatten um den ungeimpften Joshua Kimmich und die vielen Corona-Fälle – unter anderem bei Trainer Julian Nagelsmann – doch schwerer zugesetzt haben als erwartet. Wenn Dortmund eine realistische Chance haben will, in diesem Jahrzehnt noch einmal deutscher Meister zu werden, dann in dieser Saison. Es ist das wahrscheinlich letzte Jahr von Haaland beim BVB. Nur mit ihm wäre das möglich.

Die Chance, die sich den Dortmundern bietet, ist zugleich mein letzter Hoffnungsschimmer, dass die Bundesliga auf mittelfristige Sicht noch zu retten ist. Der zehnte Titel in Folge für die Bayern wäre der vielleicht letzte Impuls, den es noch braucht, um die europäische Super League wieder ins Gespräch zu bringen. Noch eine frühzeitige Meisterschaft samt choreographierter Party mit Go-Pro-Kameras an Weißbiergläsern würde die Attraktivität der Bundesliga weiter senken. Dann wäre das Maß im wahrsten Sinne des Wortes voll.

Würde man die Bayern in der Bundesliga vermissen?

Schon vor drei Jahren soll der FC Bayern einen Ausstieg aus der Bundesliga geprüft haben. Es waren die Wochen vor dem 3:2. Der Rekordmeister hatte die damalige „Spiegel“-Enthüllung zu den Super-League-Plänen zwar dementiert, doch im April dieses Jahres wurde das Schreckgespenst vieler Fußballfans plötzlich wieder reell.

Nach den weltweiten Protesten ruderten die Initiatoren zwar zunächst wieder zurück. Dass die Super League irgendwann kommt, dürfte aber nicht nur Real Ma­drids Super-Präsidenten Florentino Pérez klar sein („Wir werden nicht nachgeben“). Wie schnell diese Idee bei deutschen Fußballfans auf mehr Zuspruch stößt, hängt auch davon ab, wie das Topspiel am Sonnabend in Dortmund ausgeht. Je größer der Vorsprung der Bayern an der Spitze, je schneller stellt sich jedem Fan die Frage, ob man die Münchner in der Bundesliga vermissen würde.

BVB liegt derzeit nur einen Punkt hinter den Münchnern

Aktuell lebt die Spannung im deutschen Oberhaus von der Frage, ob Bielefeld, Bochum oder Berlin in die Zweite Liga absteigen? Nur einmal in den vergangenen neun Jahren fiel die Entscheidung über die Meisterschaft am letzten Spieltag. Es war die genannte Saison 2018/19, in der ich das bislang letzte Mal in einem Spiel mitgefiebert habe.

„Die Vorherrschaft des FC Bayern ist antastbar“ schrieb ich vor dem Spitzenspiel im November 2018. Diese These würde ich im Dezember 2021 zwar nicht mehr aufstellen. Zumindest aber halte ich es für möglich, dass der Herbstmeister mal wieder einen anderen Namen trägt als Bayern München. Die Hoffnung heißt Haaland. Erling Haaland.

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