Meinung
Gastbeitrag

Warum eine Zerschlagung der Bahn gefährlich wäre

| Lesedauer: 4 Minuten
Arno Luik
Der Journalist Arno Luik ist Autor des Buchs „Schaden in der Oberleitung“.

Der Journalist Arno Luik ist Autor des Buchs „Schaden in der Oberleitung“.

Foto: Andreas Herzau

Mehr Wettbewerb bedeutet auch mehr Bürokratie. Außerdem droht eine weitere Ausdünnung des Zugverkehrs auf dem Land.

Hamburg. Nach mehr als 15 Jahren habe ich meine Bahncard abbestellt. Ich will nicht mehr in Deutschland Zug fahren, obwohl ich gerne Zug fahre – dort, wo Profis am Werk sind. Zum Beispiel in der Schweiz. Oder in Österreich. Der Grund für meine Zugfahrverweigerung in Deutschland: die notorische Unzuverlässigkeit dieser Bahn. Bahn-interner Spott über die Deutsche Bahn AG: „Der einzige Zug, der in Deutschland pünktlich losfährt, ist der Rosenmontagsumzug.“

Es ist ja gerade angesagt, die Bahn als Wunderwaffe im Kampf für ein besseres Klima anzupreisen. Und so kommt es, dass sich derzeit so viele in ihren Versprechungen überbieten – besonders eifrig dabei: Abgeordnete der kommenden Regierung. Eine Verdoppelung der Reisenden im Fernverkehr soll es bis 2030 geben, und auch die Güterbahn soll viel mehr Waren transportieren als heute.

Deutsche Bahn: Ein Einfallstor für Investoren?

Im Koalitionsvertrag umfasst das Thema Bahn allerdings nicht mal eine Seite. Dieser Vertrag ist eine Aneinanderreihung jener Verheißungen, die man seit Jahren hört, also: Reaktivierung von Strecken, Elektrifizierung, Stilllegungen vermeiden, Kapazitätserweiterung.

Wichtig: Das Schienennetz und die DB Station und Service werden in eine neue Behörde überführt werden – die „Infrastruktursparte“. Sie soll gemeinwohlorientiert sein. Aber diese Konstruktion könnte (so war es in Großbritannien) das Einfallstor für private Investoren sein. Ein erster Schritt also zur Privatisierung und damit Zerschlagung der Deutschen Bahn. Denn: „Sofern haushälterisch machbar, soll die Nutzung der Schiene günstiger werden, um die Wettbewerbsfähigkeit der Bahnen zu stärken.“ Im Klartext: Der Bürger finanziert die sehr teure Bahn-Infrastruktur, damit Privatbahnen leicht Profite einfahren können.

Deutsche Bahn: Mehr Wettbewerb bedeutet mehr Bürokratie

Mit fast 35 Milliarden Euro ist die Deutsche Bahn AG derzeit verschuldet. Sie ist am Ende. Gut also, dass die neue Regierung Pläne für diesen Konzern hat. Nur: Sind diese Pläne gut? Ich bezweifle es. „Mehr Wettbewerb“ – das bedeutet in aller Kürze: noch mehr Bürokratie. Noch mehr Probleme bei der Fahrplangestaltung. Noch mehr Wirrwarr bei den Fahrpreisen.

Es ist bedrückend, wie lässig vonseiten der Wettbewerbsbefürworter argumentiert wird: Sie tun so, als ob auf den Trassen gleichzeitig beliebig viele Konkurrenten ihre Züge fahren lassen können. Ein Ding der Unmöglichkeit. Aber: Die Privaten werden aus ökonomischen Gründen ihre Züge nur zu Hauptverkehrszeiten nur auf jenen Strecken einsetzen, die attraktiv sind. Etwa werktags zwischen 7 und 9 Uhr von Hamburg nach Berlin. Wer aber legt fest, wer dieses lu­krative Zeitfenster bedienen darf? Und wer sorgt dann noch dafür, dass man von Husby über Süderbrarup nach Rieseby gelangt? Juristischer Hickhack ist absehbar, die Ausdünnung des Zugverkehrs auf dem Land erwartbar. Klima ade.

Deutsche Bahn versenkt massenhaft Gelder

Klima ade – auch deswegen: Das viele Geld, das der Bahn nun versprochen ist, wird zum größten Teil wieder in gigantische, unökonomische, aber vor allem unökologische Großprojekte versenkt werden: Milliarden etwa in Stuttgart 21, Milliarden in die Höchstgeschwindigkeitsstrecken Bielefeld–Hannover, Hannover–Hamburg, Milliarden in die Neubaustrecke von Dresden nach Prag samt riesigem Tunnel, Milliarden in den Fehmarnbelt-Tunnel und die Anbindung nach Hamburg – alles teure (Tunnel-)Megaprojekte, so zwischen 40 und 60 Milliarden Euro werden sie kosten. Den Bahnkunden wird das wenig bringen, dem Klima aber sehr schaden.

Denn: Der Bau von einem Kilometer Bahntunnel setzt so viel CO2 frei, wie 26.000 Autos im Jahr hinauspusten, wenn sie jeweils 13.000 Kilometer fahren. Allein in der ersten Bauphase des Fehmarnbelt-Tunnels werden 1,75 Millionen Tonnen an Treibhausgasen freigesetzt. Klima ade. Man könnte – wäre es nicht ein Fortschritt? – auf diese Prestigebauten verzichten, stattdessen Regionalstrecken ausbauen, Industrieanschlüsse für den Güterverkehr installieren und reaktivieren, Bahnhöfe auf dem Land attraktiv gestalten. Allein für Stuttgart 21 und die Neubautunnelstrecke nach Ulm ließen sich 1500 kundenfreundliche Bahnhöfe à zehn Millionen Euro bauen.

Ja, es könnte gut werden, mit dieser Bahn. Vernünftig. Ökonomisch. Ökologisch. Wenn man es denn will. Wollen würde.

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