Meinung
Leitartikel

Ausnahmesituation: Corona und die Gewalt

| Lesedauer: 3 Minuten
Bettina Mittelacher, Reporterindes Abendblatts
Bettina Mittelacher, Reporterin des Abendblatts.

Bettina Mittelacher, Reporterin des Abendblatts.

Foto: HA / A.Laible

Lockdown, Maskenpflicht, Ausgangssperren: Ja, die Regeln gelten für alle. Doch sollte man sich in Gefahr begeben, um sie durchzusetzen?

Hamburg. Es gab Zeiten in Deutschland, in denen man Freunde verlieren konnte, indem man sich eindeutig pro Wehrpflicht oder kontra Atomkraft positionierte. Diese Themen werden zwar noch immer diskutiert, aber das Potenzial, die Gesellschaft zu spalten, haben sie nicht mehr.

Heute geht ein ganz anderer Riss durch die Republik; er betrifft die Haltung zur Corona-Pandemie und die einschneidenden Schutzmaßnahmen des Staates wie Lockdown, Maskenpflicht, Ausgangssperren oder eine mögliche Impfpflicht. Dieser Riss klafft längst zwischen Freunden, Kollegen und sogar Familienmitgliedern auf. Nach dem Motto: Wie, du bist gegen eine Impfpflicht und lässt dich auch nicht boostern? Dann brauchst du dich hier nicht mehr blicken zu lassen!

Immer mehr Gewaltvorfälle wegen Corona-Maßnahmen

Das Coronavirus bedroht nicht nur die Gesundheit und das Leben der Menschen in Deutschland. Es bedroht auch längst den gesellschaftlichen Zusammenhalt unseres Landes. In vielen Menschen hat sich ein enormes Potenzial an Aggressivität angestaut. Zugrunde liegt meist ein allgemeines Misstrauen gegenüber dem Staat und/oder ein diffuser Frust über die eigene Lebenssituation. Häufig entzünden sich zwischenmenschliche Konflikte am Tragen oder Nicht-Tragen von Schutzmasken.

Manche – man kann sagen: die Uneinsichtigen – verstehen den Mund-Nasen-Schutz als Symbol für den angeblichen Machtmissbrauch des Staates. Dabei sind die Masken doch zu allererst etwas, was uns allen willkommen sein sollte: ein wirksames Instrument, um der Verbreitung potenziell tödlicher Viren entgegenzuwirken. Studien haben belegt, dass die Ansteckung mit Corona vor allem durch Luftübertragung erfolgt. Also ist das ordnungsgemäße Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes unbedingt vernünftig.

Maskenverweigerer: Bewusste Provokation und unsolidarisches Verhalten

Wer in der jetzigen Akutphase der Pandemie eine Maske nicht trägt, wo sie vorgeschrieben ist, will damit zumeist signalisieren, dass er oder sie sich ganz bewusst gegen den offiziellen Corona-Kurs dieses Landes stellt. Es ist oft eine bewusste Provokation und eine Demonstration unsolidarischen Verhaltens. Soll man diese Menschen nun in aller Öffentlichkeit ermahnen, eine Maske zu tragen? Etwa, wenn man ihnen in der S-Bahn gegenübersitzt oder ihnen in der Warteschlange beim Bäcker oder im Supermarkt begegnet?

In dem einen oder anderen Fall mag dies möglich sein, abhängig von den beteiligten Menschen und dem angeschlagenen Ton. Und vielleicht reagiert der Angesprochene halbwegs entgegenkommend und setzt den Mund-Nasen-Schutz doch noch auf.

Wer will sich einer solchen Gefahr aussetzen?

Aber man kann den Mitmenschen nicht hinter die Stirn gucken und ihre Reaktionen voraussehen. Beispiele zeigen, dass eine Mahnung an Unbelehr­bare gefährlich sein kann. So soll in Hamburg jetzt ein Streit um eine Maske Auslöser für eine Gewalttat gewesen sein, bei der ein Mann durch Schüsse aus einer Gaspistole schwer verletzt wurde.

Überall in Deutschland ist es im Streit um das Maskentragen zu Schlägereien gekommen. Und noch gefährlichere Situationen sind denkbar: Messerstechereien, womöglich irgendwann ein Schuss aus einer scharfen Waffe? Wer will sich einer solchen Gefahr aussetzen?

Es ist bewundernswert, wenn es Couragierte gibt, die Menschen, die keine Maske tragen, auf deren Verpflichtung hinweisen – und die so mit ihrem Einsatz helfen, Regeln durchzusetzen. Doch für die meisten wird es besser sein, nicht selbst einzugreifen, sondern die Polizei oder Sicherheitspersonal einzuschalten. Corona hat wahrlich schon viel zu viele Opfer gefordert und unendliches Leid ausgelöst. Es sollten bitte keine weiteren Opfer aufgrund sinnloser Gewaltausbrüche hinzukommen.

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