Meinung
Dohnanyi am Freitag

„Belehren wir andere nicht!“

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Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Sven Simon/Andreas Laible / imago images/HA

Hamburgs Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi im Gespräch mit Matthias Iken. Heute über Vergangenheitsbewältigung.

Matthias Iken: Der Unternehmer Kurt Körber hat vor 60 Jahren den Bergedorfer Gesprächskreis gegründet, der Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik diskutiert. Bei der Jubiläumsveranstaltung hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Russland wegen der drohenden Schließung der Menschenrechtsorganisation Memorial attackiert. Muss Außenpolitik die Menschenrechte
schärfer in den Blick nehmen?

Klaus von Dohnanyi: Politik sollte die Menschenrechte immer im Blick haben. Das gilt nicht nur für die Außen-, sondern auch für die Handelspolitik. Es kommt auf das Ergebnis an. Bei Memorial geht es nicht um menschenrechtliche Hilfe für Verfolgte heute, sondern um die Aufarbeitung von Geschichte. Da haben wir alle noch viel zu leisten, besonders der „Westen“, der über Jahrhunderte die Welt blutig unterworfen hat. Memorial will, wie sein Vorsitzender sagt, in der russischen Erinnerung das Schicksal Einzelner in den Mittelpunkt rücken, die offizielle Erinnerung der Regierung sei ihm zu allgemein. Nun will die Regierung Memorial schließen. Aber geht es uns etwas an, wie andere mit ihrer bösen Vergangenheit umgehen?

Iken: Meinen Sie, wir Deutschen sollen uns lieber zurückhalten?

Dohnanyi: Es geht hier nicht nur um unsere besondere Lage. Wenn eine Nation blutige Flecken auf ihrer Geschichte sieht und versucht, mit diesen zurechtzukommen, ist das eine Art öffentliche „Beichte“. Präsident Macron entschuldigte sich kürzlich für Frankreichs Untaten in Algerien; Belgien im Kongo; das Holocaust-Denkmal in Berlin ist ein öffentliches Schuldbekenntnis, eine in Stein gegossene „Beichte“ Deutschlands. Ich denke, wie ein Land das macht, ist seine Sache und geht andere Nationen nichts an. Kein Bundespräsident hat sich je nach Westen gewandt und Schuldbekenntnisse in
den USA oder England angemahnt!

Iken: Zeigt nicht Deutschland, dass es hilft, die eigene Geschichte kritisch aufzuarbeiten?

Dohnanyi: Ein reuiger Sünder, so heißt es im Neuen Testament, zählt mehr
als 99 Gerechte. Hoffen wir also. Aber andere Staaten haben andere Wege gewählt: „Wahrheitskommissionen“ haben Untaten aufgearbeitet, Geld ist gezahlt worden. Vielen fällt die Konfrontation mit ihrer Geschichte noch immer schwer; die werden irgendwann, wie jetzt Großbritannien, unnachsichtig von der Vergangenheit eingeholt. Deutsche Politik sollte sich hier raushalten. Die offizielle Einmischung der Ampelparteien bei der russischen Regierung im Fall Memorial ist ein schlechtes Omen der zukünftigen Außenpolitik.

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