Meinung
Meine wilden Zwanziger

Weihnachten – eine schöne Bescherung

| Lesedauer: 4 Minuten
Annabell Behrmann
Annabell Behrmann (29) ist Redakteurin beim Hamburger Abendblatt.

Annabell Behrmann (29) ist Redakteurin beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Thorsten Ahlf

Anders als 2020 liegen bei vielen die Nerven blank. Keiner stößt mehr bei Zoom virtuell mit Glühwein an. Aber ich gebe nicht auf.

Am Wochenende habe ich die Kartons mit der Weihnachtsdekoration vom Dachboden geholt und zu Kelly Clarksons Weihnachtsalbum in Dauerschleife die Wohnung geschmückt. Auf den Fensterbänken liegen wie immer die Tannengirlanden. Auf dem Boden steht der kleine Schlitten mit dem Schneemann.

Nur auf dem Esstisch gibt es in diesem Jahr kein Adventsgesteck – statt der vier Kerzen leuchten dort zwei große Computerbildschirme. Wir haben es innerhalb eines Jahres trotz Impfungen zwar nicht geschafft, die Pandemie in den Griff zu bekommen, und versauern immer noch im Homeoffice – dafür bin ich technisch inzwischen hochprofessionell ausgestattet. Na gut: Wer keinen Schreibtisch hat, muss eben an der Deko sparen.

Weihnachten in der Corona-Pandemie

So saß ich am Sonntagabend auf der Couch, neben mir leuchtete die Girlande, und ich begutachtete mein Werk. Plötzlich überkam mich ein Déjà-vu-Gefühl: War nicht gerade erst Weihnachten?

Einerseits kommt es mir so vor, als wäre dieses Jahr so schnell verflogen wie noch nie. Andererseits fühlt es sich an, als wären wir auf der Stelle stehen geblieben. Wieder steigen zur kalten Jahreszeit die Zahlen der Corona-Infektionen. Die Medien überschlagen sich mit Horrornachrichten von neuen Inzidenz-Spitzenwerten. Ärzte und Pflegekräfte warnen eindringlich vor vollen Krankenhäusern.

Bei Anne Will in der Sendung diskutieren dieselben Menschen wie bereits vor einem Jahr über Maßnahmen, die die Politik viel zu spät beschlossen hat. Familien überlegen, ob sie die Großmutter Heiligabend aus dem Pflegeheim zu sich holen sollen oder die Gefahr zu groß ist. Und ich habe schon wieder ein mulmiges Gefühl dabei, mich mit Freunden in geschlossenen Räumen zu treffen. Der größte Unterschied aus meiner Sicht zum vergangenen Jahr: Die Leute sind in ihrer zweiten Corona-Vorweihnachtszeit deutlich gereizter und mit ihrer Geduld am Ende.

Gesundheit der Familie ist das größte Geschenk

Vor einem Jahr hatte ich den Eindruck, dass viele Menschen versucht haben, das Beste aus der ungewöhnlichen Weihnachtszeit unter pandemischen Bedingungen herauszuholen. Zum ersten Mal seit Kindertagen habe ich wieder mit meiner Mutter ein Lebkuchenhaus gebastelt. Ich habe Kekse gebacken und sie Freunden an der Tür vorbeigebracht. Umgekehrt sind auch sie von Haus zu Haus gefahren und haben kleine Päckchen abgegeben. So weihnachtlich war mir lange nicht mehr zumute.

Ich habe die Zeit als sehr besonders empfunden. Während Restaurants geschlossen hatten und Weihnachtsmärkte abgesagt wurden, haben sich die Menschen auf die Eigenschaften besonnen, die zu Weihnachten wirklich zählen sollten: Herzlichkeit und Liebe. Die Gesundheit der Familie war ein viel größeres Geschenk als jedes bei Amazon bestellte Paket. Hoffnung für das neue Jahr gaben Impfstoffe, die den Ausnahmezustand endlich beenden sollten.

Schlangen vor der Elbphilharmonie – wegen der Corona-Impfung

2021. Obwohl in diesem Jahr sogar Weihnachtsmärkte unter 2G-Bedingungen stattfinden, Bars und Clubs weiterhin geöffnet sind und essen gehen im Restaurant möglich ist, wirken die Menschen unzufriedener. Sie führen aggressive Diskussionen über eine Impfpflicht. Die Gesellschaft wird in zwei Lager unterteilt: in geimpft und ungeimpft. In intelligent und dumm. Grautöne gibt es nicht mehr. Eltern müssen ihren Kindern erklären, dass sie auch in diesem Jahr angesichts der explodierenden Corona-Zahlen vorsorglich aufs Weihnachtsmärchen verzichten. Vor einem Jahr haben Firmen ihren Mitarbeitern noch Kochboxen nach Hause geschickt, um zumindest bei einer digitalen Weihnachtsfeier zusammenzukommen – nun hat keiner mehr Lust, sich mit einem Glühwein über Zoom zuzuprosten. Die Nerven liegen bei vielen blank. Und ich kann es so gut verstehen.

Statt auf dem Weihnachtsmarkt gemütlich zusammenzustehen, bibbern die Menschen einen halben Tag lang in der Schlange, um sich in der Elbphilharmonie impfen zu lassen. Stellen sich Impfmuffel wirklich sechs Stunden lang an, um sich den ohnehin ungeliebten Piks abzuholen? Vielleicht wären es noch mehr, wenn jemand gratis Glühwein ausschenken würde. Dann käme immerhin ein wenig Weihnachtsstimmung auf.

Die gesamte Adventszeit liegt noch vor uns. Wir haben die Chance, wieder das Beste aus ihr zu machen. Noch ein Déjà-vu-Erlebnis brauche ich nächstes Jahr allerdings nicht.

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