Meinung
Post aus Washington

„Menschenkind“ verbieten? Kulturkrieg im Klassenraum

| Lesedauer: 4 Minuten
Dirk Hautkapp
Dirk Hautkapp  ist der US-Korrespondent des  Hamburger Abendblatts.

Dirk Hautkapp ist der US-Korrespondent des Hamburger Abendblatts.

Foto: Privat

Welche Bücher gelesen werden und welche Themen unterrichtet, ist im Amerika der Post-Trump-Ära Gegenstand von Konflikten geworden.

Washington. Kennen Sie Matt Krause? Wenn nicht, empfehle ich, den 41 Jahre alten Republikaner, der Generalstaatsanwalt von Texas werden will, genauer in Augenschein zu nehmen. Um sein Profil zu schärfen, hat Krause, derzeit normaler Abgeordneter im Bundesstaats-Kongress von Austin, eine Liste von 850 Büchern erstellt, bei denen es vorwiegend um Rasse, Sexualität, gleichgeschlechtliche Lebensweisen, Abtreibung oder Pubertät geht.

Quasi eine Fahndungsliste. Krause will sie nicht mehr im Unterricht sehen. Alle Schulbezirke im 28-Millionen-Einwohner-Bundesstaat sollen mit Fristsetzung angeben, ob sie die besagten Werke im Bestand haben. Die Lehrergewerkschaft ist auf der Zinne. Von illegaler Gesinnungsschnüffelei ist die Rede. Krause ficht das nicht an. Muss es nicht. Ein merkwürdiges gesellschaftliches Klima trägt ihn. Es herrscht Kulturkrieg in amerikanischen Klassenzimmern.

Bittere Auseinandersetzungen bei Schulratssitzungen

Welche Bücher gelesen und welche Themen aus welchem Blickwinkel unterrichtet werden, vor allem wenn es um Sklaverei, Rassismus, Geschlechter­fragen und Sexualität geht, ist in der toxischen Post-Trump-Ära an öffentlichen Schulen Gegenstand bitterster Aus­einandersetzungen geworden. Bei Schulratssitzungen landauf, landab kommt es zu Tumulten, ja Handgreiflichkeiten. Mitglieder werden angefeindet, bedroht oder abgewählt, manche Schuldirektoren suspendiert.

Zuweilen muss die Polizei anrücken, um Schlimmeres zu verhindern. Justizminister Merrick Garland hat das FBI eingeschaltet. Die Bundespolizei soll der Eskalation begegnen. Auslöser ist der Zoff um die sogenannte Critical Race Theory, kurz CRT. Dahinter steht ein akademisches Konstrukt aus den 1980er-Jahren. Es fußt, sehr verkürzt ausgedrückt, auf der Prämisse, dass Rassismus allgegenwärtig ist und sich seit Ende der Sklavenzeit 1865 bis heute durch alle Gesellschaftsbereiche zieht; auch durch Recht und Gesetz.

Strukturelle Ungleichheit wird geleugnet

Zwar steht CRT in keinem Bundesstaat im Schul-Curriculum. Aber in „Black Lives Matter“- und „George ­Floyd“-Zeiten lässt sich damit eine Stimmung erzeugen, die manche Eltern zu Klassenkeile in Richtung Lehrpersonal anspornt. Sie wittern „linke Indoktrinierung“ ihrer Sprösslinge, „Gehirnwäsche“ oder gar „psychischen Kindesmissbrauch“. Ideologisch links verortete Lehrer, heißt es oft wahrheitswidrig in sozialen Medien, brächten mit CRT-Lektionen dem Nachwuchs bei, sich allein über die Hautfarbe zu definieren und im schlimmsten Fall gegenseitig zu hassen. Schwarze sind in diesem Modell Opfer, Weiße prinzipiell Täter. Dabei habe Amerika doch seinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht.

So ist jedenfalls die verbreitete Meinung auf der politischen Rechten. Strukturelle Ungleichheit und Benachteiligung von Afroamerikanern gibt es nach dieser Lesart nur in der Parallelwelt der Linken. Im Bundesstaat Virginia hat der Bücherkampf gerade eine wichtige Wahl mitentschieden. Nachdem der demokratische Kandidat für den Gouverneurs-Posten in Richmond, Terry McAuliffe, im Wahlkampf töricht pauschal sagte, Eltern hätten bei Lehrplänen öffentlicher Schulen nichts mitzureden, lenkte der republikanische Kontrahent Glenn Youngkin den Sturm der Empörung auf seine Mühlen. Er versprach analog zu einem halben Dutzend anderer Bundesstaaten CRT rigoros zu verbieten. Eine Scheindebatte.

„Critical Race Theory“ wird in Virginia nicht unterrichtet

Die „Critical Race Theory“ wird an keiner einzigen Schule in Virginia unterrichtet. Das Thema, das laut Umfragen vor der Wahl das zweitwichtigste war, ungenutzt liegen zu lassen wollte sich der 54-Jährige aber nicht vorwerfen lassen. Der Geschäftsmann – und neue Gouverneur – baute bei seiner Kampagne prominent Laura Murphy ein. Die vierfache Mutter aus Fairfax County im Speckgürtel Washingtons will das Buch „Menschenkind“ der schwarzen Pulitzer-Preis-Trägerin Toni Morrison aus dem Verkehr gezogen wissen.

Ihr Sohn Blake habe schlecht geträumt, nachdem der Stoff, der im Pantheon der US-Literatur seinen Platz hat, durchgenommen wurde. Toni Morrison erzählt in dem hochkarätig verfilmten Werk die Geschichte der Sklavin Sethe. Als ihr die Häscher auf den Fersen sind, tötet sie ihre zweijährige Tochter, um ihr das Schicksal der Versklavung zu ersparen. Frau Murphy findet, Oberstufen-schülern im Fach Englisch dürfe das nicht zugemutet werden. Das Schulministerium von Virginia hat die bestellte Zensur abgelehnt. Laura Murphy setzt nun auf den neuen Gouverneur Glenn Youngkin..

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung