Meinung
Leitartikel

Abrüsten für die Impfung

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Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts
Matthias Iken ist Stellvertretender Chefredakteur Hamburger Abendblatt.

Matthias Iken ist Stellvertretender Chefredakteur Hamburger Abendblatt.

Foto: Andreas Laible / Funke Foto Services

Steigende Corona-Zahlen heizen die Debatte an – damit überzeugt man Zweifler nicht. Wie geht es weiter in der Bundesrepublik?

Hamburg. Talkshows sind oft Runden zu immergleichen Themen mit immergleichen Personen. So wird etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) oft eingeladen, den manche wegen seiner Lockdown-Liebe für eine Corona-Koryphäe halten. Dabei ist Söders Pandemie-Bilanz ein Desaster – die Inzidenz in Bayern liegt bei über 320, die Impfquote unter dem Bundesschnitt. Ein weiterer gern gesehener Gast ist der Vorsitzende des Weltärztebundes, der Hamburger Frank Ulrich Montgomery. Er ist für seine Meinungsfreude bekannt – und stellte sie bei Anne Will unter Beweis.

Er sprach von einer „Tyrannei der Ungeimpften, die über zwei Drittel der Geimpften bestimmen“. Nun darf man nicht jedes Wort aus einer Talkshow auf die Goldwaage legen, aber weil Montgomery den Begriff bewusst wiederholte, hier noch mal auf Deutsch: Tyrannei beschreibt eine Gewalt- oder Schreckensherrschaft. Als die Querdenker begannen, die Lockdown-Politik als Corona-Diktatur zu verunglimpfen, verabschiedeten sie sich aus einer vernünftigen Debatte. Nun sollten Impfbefürworter nicht einen ähnlichen Fehler begehen.

Impfverweigerer und Geimpfte werden sich als Feinde gegenüberstehen

Wir erleben angesichts hochschnellender Inzidenzen eine gefährliche Zuspitzung der Diskussion. Ärgerlich daran ist, dass der Sieben-Tage-Wert immer noch als zentrales Kriterium benutzt wird und Emotionen schürt. Dabei hinkt der Vergleich zum Vorjahr. Zum einen wird viel mehr getestet, sodass auch asymptomatische Fälle entdeckt werden, zum anderen sind inzwischen 67,1 Prozent der Deutschen vollständig geimpft. Obwohl die Inzidenz heute viel höher liegt als 2020, ist die Intensivbelegung niedriger als vor einem Jahr.

Zugleich sollte man die Lage nicht schönreden: In diesen Tagen werden mehr Corona-Kranke in Kliniken eingeliefert, als erwartet worden war. Wir sind daran gescheitert, uns aus der Pandemie herauszuimpfen. Statt aber die Debatte immer hysterischer zu führen, muss man die Impfzweifler bei der Ehre packen. Wer sie zu Tyrannen erklärt, kann seinen Frust abbauen, hat aber niemanden überzeugt. Ganz im Gegenteil: Irgendwann werden sich Impfverweigerer und die Mehrheit wie Feinde gegenüberstehen.

Steigende Inzidenzen und volle Krankenhäuser: bundesweit 2G

Der deutschen Kampagne fehlen rund 14 Millionen Menschen, die nicht geimpft sind, obwohl sie es längst hätten sein können. Man muss mit einfachen Argumenten arbeiten, Vorbehalte anhören und Vorurteile widerlegen – etwa deutlich machen, dass eine Impfung die Fruchtbarkeit nicht beeinträchtigt. Eine erfolgreiche Impfkampagne muss sich auf die Zögerlichen und Unsicheren konzentrieren und gerade bei weniger Gebildeten, jungen Frauen und Migranten mit Verständnis und Ausdauer werben. Wenn es gelingt, manche mit einer Pizza vom Piks zu überzeugen, sollte man die Prämien zur Not erhöhen.

Nur mit Zuckerbrot aber könnte es am Ende nicht gelingen – deshalb bedarf es einer Ansage, die in Hamburg geholfen hat. Der nächste Schritt der Corona-Bekämpfung, am besten schnell und klar kommuniziert, heißt bundesweit 2G: Wenn Inzidenzen und Klinikaufnahmen weiter steigen, müssen Ungeimpfte zu Hause bleiben. Ihr Alltag kann und muss dann sukzessive eingeschränkt werden. Kein Haarschnitt mehr ohne Vakzin, kein Kneipenbummel, kein Kinoabend, kein Krankenbesuch. Gegebenenfalls kann es als Anreiz eine Übergangsfrist für Erstgeimpfte geben. Österreich hat gerade die Regeln dahingehend verschärft – plötzlich bilden sich vor den Impfzentren lange Schlangen.

Ein Leben ohne Impfung muss weiter möglich, aber maximal mühsam sein. Es ist wie bei der Kindererziehung: Wir benötigen klare Ansagen, die konsequent umgesetzt werden. Schimpfen hilft selten weiter.

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