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Klimaschutz: Eine unbequeme Wahrheit

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / Funke Foto Services

Klimaschutz wurde jahrelang vernachlässigt – nun wird er ideologisiert. Das sind schlechte Nachrichten für den Planeten.

Hamburg. Wie sähe die Welt heute aus, wenn Al Gore die US-Präsidentschaftswahl 2000 gewonnen hätte? Beim Klimaschutz, so dürfen wir annehmen, wären wir heute deutlich weiter, als wir es sind. Denn der Demokrat hatte früher und leidenschaftlicher die Gefahr des Klimawandels erkannt – 2006 gelang es ihm, mit dem Film „Eine unbequeme Wahrheit“ das Thema sogar zum Kinoerfolg zu machen.

Schon damals aber war der menschengemachte Eingriff ins Weltklima längst bekannt. Seit 50 Jahren warnen Wissenschaftler, schon beim Rio-Gipfel 1992 wurde eine Klimarahmenkonvention ausgearbeitet, und vor fast 25 Jahren verpflichteten sich die Industriestaaten im Kyoto-Protokoll erstmals zu einer verbindlichen Reduzierung der Treibhausgase: Im Vergleich zum Basisjahr 1990 sollte der Ausstoß von CO2 um durchschnittlich 5,2 Prozent sinken.

Erfolge in Europa, die Haupt-Verursacher sind andere

Blickt man nach Europa, sind beträchtliche Erfolge zu feiern: Die EU hat seit 1990 ein Viertel weniger Treibhausgase emittiert. Negativausreißer sind Zypern, Spanien und Irland, die sogar mehr CO2 ausstießen, den baltischen Staaten hingegen gelang es, ihre Emissionen um zwei Drittel zu reduzieren. Mit einem Minus von 35,1 Prozent zwischen 1990 und 2019 steht Deutschland vergleichsweise gut da – profitiert aber wie die osteuropäischen Staaten vom Zusammenbruch des Kommunismus. Der Mauerfall war das Beste, was der Umwelt passieren konnte.

Bevor sich nun die Politik in die Arme fällt ob dieser beeindruckenden Klimabilanz, muss der Kolumnist Wasser in den Wein gießen. Denn seit 1990 sind die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen um rund 62 Prozent gewachsen. Und Prognosen besagen, dass bis 2050 noch einmal 20 Prozent obendrauf kommen. Allein die drei größten Verursacher China, USA und Indien sind inzwischen für mehr als die Hälfte der weltweiten Emissionen verantwortlich.

Emissionsdaten einzelner Länder sind oft verzerrt

Aber die Länderdaten sind ohnehin nur eine Krücke, um wirkliche Erfolge und Misserfolge der Staaten zu messen. Sie neigen zu Verzerrungen und Abgrenzungsproblemen. Nur ein paar Beispiele: Der Corona-Sommer hat viele Menschen anders als in den Vorjahren in der Heimat Urlaub machen lassen – und belastet die deutsche CO2-Bilanz dadurch, während in Spanien oder Thailand sich die Zahlen verbessern – denn internationale Flugreisen werden oft nicht erfasst.

Auch Migration beeinflusst die nationalen Zahlen – durch die hohe Zuwanderung hat sich der deutsche CO2-Ausstoß substanziell vergrößert. Zudem muss man wissen: In Deutschland liegen die Pro-Kopf-Emissionen eines jeden rund 30-mal so hoch wie in Afghanistan.

Olaf Scholz kann das Klima nicht retten

Ein Effekt verzerrt die Länderbilanzen massiv: Studien zufolge werden etwa 30 Prozent der Belastungen von reichen Ländern in Schwellenländer abgeschoben: Wenn wir billigen Stahl, Handys oder T-Shirts importieren, hübscht das die eigene Klimabilanz auf, versaut aber die in Asien. Und wenn Aktivisten darauf drängen, CO2-Schleudern hierzulande dichtzumachen, ist dem Klima damit nicht geholfen: Dann legen die Industrieanlagen in China eben noch eine Schippe drauf.

Die Luftverschmutzung früherer Tage ließ sich durch Verlagerung bekämpfen, der CO2-Abbau aber wird niemals national, sondern nur international gelingen. Weder Olaf Scholz noch eine Ampel können das Klima retten. Daher wirkt die Fixierung auf „nationale“ Maßnahmen etwas borniert. Stattdessen sollten wir über den eigenen Tellerrand schauen, alte Ideologien überwinden und uns auch unbequemen Wahrheiten stellen. Der Klimaschutz ist zu wichtig, als ihn mit Antworten aus dem letzten Jahrhundert zu lösen.

Die Klimakrise muss als internationales Problem erkannt werden

Können wir angesichts fehlender Ersatzkapazitäten wirklich 2022 unsere Atomkraftwerke abschalten oder sollten wir – wie mit Jürgen Hambrecht und Klaus von Dohnanyi auch zwei Väter des Atomausstiegs vorschlagen – die Laufzeiten etwas verlängern? Müssten wir nicht wie andere Staaten stärker in die CO2-Speicherung im Boden einsteigen? Das ist kein Teufelszeug, sondern ein wirksames Mittel zur Reduzierung des Ausstoßes.

Und sollten wir nicht viel stärker auf die Effizienz unserer Investitionen in den Klimaschutz schauen? Wenn eine Million Euro in Afrika eine größere CO2-Entlastung bringt, ist sie dort besser angelegt. Der neue Energiepakt mit Südafrika führt in die richtige Richtung. Die Klimakrise muss endlich unser nationales Denken sprengen.

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