Meinung
Dohnanyi am Freitag

Wie spricht man mit Erdogan?

| Lesedauer: 2 Minuten
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur beim Hamburger Abendblatt.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Andreas Laible / HA

Hamburgs Altbürgermeister im Gespräch mit Matthias Iken. Heute über die Kunst der Diplomatie.

Hamburg. Matthias Iken: Im Streit mit dem tür­kischen Staatspräsident Erdogan um westliche Botschafter haben Politiker der Ampel die Menschenrechte für „nicht verhandelbar“ erklärt. Später lenkte der Westen ein. War die Empörung am Ende nur ein Fenstertheater?

Klaus von Dohnanyi: Natürlich kann man Menschenrechte nicht zu einem politischen Geschäft machen; sie gelten ohne Abstriche. Die lange Haft von Osman Kavala ohne Prozess ist ein Skandal, eine Verletzung der UN-Charta und der europäischen Menschenrechtsgesetze. Das muss man Erdogan immer wieder klar sagen. Aber wenn man erfolgreich helfen will, muss man sich an die diplomatischen Regeln halten. Dafür sind öffentliche Forderungen von Botschaftern nicht geeignet; das ist Sache der Regierungen. Wir erinnern uns noch an unseren Ärger, als der US-Botschafter Grenell in Berlin ständig in die politische Debatte eingriff; er wurde schließlich sogar von Trump versetzt! Ich glaube, die USA haben das auch im Fall Kavala so gesehen. Jetzt müsste Biden so aktiv werden wie im Fall Nawalny!

Iken: Neigen wir dazu, unsere Maßstäbe zu sehr auf andere zu übertragen?

Dohnanyi: Dazu neigen wohl alle Staaten. Aber unser Problem scheint mir in diesem Fall eher in der Methode zu liegen: Man bewegt einen Mann wie Erdogan kaum durch öffentliche Kritik oder Drohungen. Wenn Leute wie er das hören, denken sie sofort: „Nur keine Schwäche zeigen.“ Dann wird der nationale Stolz mobilisiert, das Ganze wurde in der Türkei zu einem innenpolitischen Thema. Wir aber sollten immer an den leidenden Häftling denken, was ihm oder ihr wirklich helfen kann. Beifall für unseren Einsatz ist unwichtig. Menschenrechte sollten immer ohne Eitelkeit vertreten werden! Da sind mir Willy Brandt und Helmut Schmidt ein Vorbild geblieben: Von Fall zu Fall haben sie im Kalten Krieg geholfen, aber immer ohne Öffentlichkeit.

Iken: Brauchen wir in der Diplomatie also mehr Pragmatismus?

Dohnanyi: Wir dürfen uns nicht überschätzen. Diktatoren werden wir weder durch laute Kritik noch durch irgendwelche Sanktionen von ihrer Politik abbringen – und schon gar nicht mit Drohungen. Das Unrecht geschieht aber immer einzelnen Menschen, und wer da helfen will, muss nur diese im Auge haben. Immer müssen wir für Asyl und Unterstützung bereit sein. Nawalny in die Charité zu bringen war eine solche Lösung. Erfolgreiche Hilfe ist mühsame Kleinarbeit. Eine Posaune brauchen wir dabei nicht. Ich finde, unsere „Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte“ macht das ziemlich vorbildlich!

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