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Was Kimmich und Thole eint – und unterscheidet

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Alexander Laux
Alexander Laux ist Sportchef beim Hamburger Abendblatt.

Alexander Laux ist Sportchef beim Hamburger Abendblatt.

Foto: HA / Mark Sandten

Der impfunwillige Bayern-Profi und der zurückgetretene Hamburger Beachvolleyballer sorgten diese Woche für Schlagzeilen.

Hamburg. J & J – zwei prominente Sportler haben mich in den vergangenen Tagen besonders beschäftigt: Joshua Kimmich und Julius Thole. Beide eint etwas: Sie entsprachen mit ihrem Verhalten auf ganz unterschiedliche Art und Weise so gar nicht den (drängenden) Erwartungen der breiten Masse und mussten um Akzeptanz für ihren Weg werben.

Heftige Debatten schlossen sich dem Bekenntnis des deutschen Fußball-Nationalspielers an, sich bis jetzt einem Impfpiks verweigert zu haben – auch bei uns in der Redaktion. Die Empörten auf der einen Seite fragten: Wie kann er nur?

Kimmich hätte sich besser informieren müssen

Ausgerechnet ein so privilegierter Kicker, der anders als beispielsweise viele verzweifelte Künstler seinem hoch bezahlten Beruf früh weiter nachgehen konnte! Der Konter der anderen Seite: Die Entscheidungsfreiheit steht über allem. Schließlich gibt es bisher keine Impfpflicht in Deutschland, auch nicht für die Berufsgruppe der Profifußballer.

Was Kimmich spätestens jetzt wissen dürfte: Unwissenheit schützt nicht vor verbaler Schelte. Wer so in der Öffentlichkeit steht wie der 26-Jährige und eine Vorbildfunktion gerade für jüngere Menschen erfüllt, hätte sich intensiv und ausreichend informieren und aufklären lassen müssen, zum Beispiel über (nicht nachgewiesene) Langzeitfolgen und verhältnismäßig viel größere Risiken für die eigene und die Gesundheit anderer.

Kimmich galt bisher als reflektierter Mensch

Stattdessen nimmt er, ob gewollt oder nicht, die Rolle des Multiplikators von längst widerlegten Theorien ein. Ausgerechnet Kimmich, der als reflektierter Mensch galt und mit seinem Teamkollegen Leon Goretzka durch seine Spendenkampagne „WeKickCorona“ für positive Schlagzeilen gesorgt hatte.

Doch das ist nur der eine Punkt. Genauso hätte auch sein Verein, der FC Bayern, mit seinen Medizinern dafür sorgen müssen, dass sich bei einem Topstar nicht so ein Wissensleck auftun kann. So stehen – wieder einmal – die Profikicker am Pranger, noch dazu völlig unnötig. Schließlich liegt die Impfquote unter den Fußballprofis und den Trainern der Bundesliga und der Zweiten Liga bei mehr als 90 Prozent.

Julius Thole verkündete Karriereende

Kimmichs einziges Verdienst wäre es, würden die Diskussionen und die Informationen dazu führen, dass Corona-Falschmeldungen künftig weniger Nährboden finden. In Talkshows wird ja Woche für Woche reichlich Sendezeit gefüllt. Wie wäre es, würde sich Kimmich in einer informativen, nicht anklagenden Runde stellen, um so womöglich auch sein persönliches Urteil bezüglich des Impfens zu überdenken?

Im Vergleich zum Kimmich-Wirbel viel leiser konnte dagegen Beachvolleyballer Julius Thole sein Karriereende verkünden. Auch wenn er wie der Bayern-Kicker damit viele seiner Anhänger auf den ersten Blick enttäuscht und die Erwartungen der Außenstehenden genauso nicht erfüllt. Freiwillig mit 24 Jahren aufzuhören, dazu noch als Vizeweltmeister, und das nicht etwa, weil der Körper nicht mehr mitmacht, sondern er lieber Jura studieren will – wie kann das angehen? Warum verschenkt er sein Talent?

Auch Tholes Schritt animiert um Nachdenken

Der entscheidende Unterschied zu Kimmich ist, dass Tholes Entschluss privater Natur ist und es bei Kimmich um einen Akt der Solidarität geht mit öffentlicher Wirkung – dabei animiert Tholes Schritt genauso zum Nachdenken. Bei den Rahmenbedingungen für Nicht-Profifußballer ist es auf den zweiten Blick nur allzu verständlich, wenn sich Topathleten wie der Hamburger Thole vom Leistungssport freiwillig verabschieden, um andere berufliche Schwerpunkte zu setzen und ihre Zukunft zu sichern.

Der Fall Thole zeigt, woran es im Sportsystem krankt: Wer so erfolgreich ist, wie er es mit Clemens Wickler war, für den müssten genügend finanzielle Anreize geschaffen werden, um nicht auf die Idee zu kommen, vorzeitig auszuscheiden. Aber ein Olympiasieg, der nur alle vier Jahre vergeben wird, ist eben ein zu großer Zock.

Fall Thole genauso traurig wie Fall Kimmich

Intelligente Angebote, Studium und Sport in Einklang zu bringen, gibt es noch zu selten. Die (auch mediale) Konzentration auf den Fußball der Kimmichs und Co. lässt zu wenig Raum für Vielfalt. Das macht den Fall Thole genauso traurig wie den Fall Kimmich. Mit dem Unterschied, dass dem Beachvolleyballer Respekt für sein konsequentes Handeln gebührt.

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