Meinung
Die Wilden Zwanziger

Sorry, heute kann ich mal nicht mitreden

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Annabell Behrmann
 Annabell Behrmann (29) ist Redakteurin des Abendblatts.

Annabell Behrmann (29) ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Thorsten Ahlf

33 Millionen gewinnen oder sterben müssen – diese Netflix-Serie will ich nicht sehen. Und „Game of Thrones“ auch nicht. Schlimm?

Hamburg. Auf einer südkoreanischen Halbinsel treten Hunderte verschuldete Menschen in traditionellen Kinderspielen wie Tauziehen oder Murmeln gegeneinander an. Sie sind gekleidet in markanten grünen Trainingsanzügen. Am Ende hat nur ein Teilnehmer die Chance, rund 46 Milliarden Won (etwa 33 Millionen Euro) zu gewinnen und seine Schulden zu begleichen. Als Einsatz spielt er um sein eigenes Leben. Wer verliert, muss sterben.

Die sehr brutale und makabere neue Netflix-Serie „Squid Game“ hat weltweit einen Hype ausgelöst. In den sozialen Netzwerken werden etliche Ausschnitte der insgesamt neun Folgen geteilt. Auf Schulhöfen ahmen Schüler die Spiele nach – die Verlierer werden verprügelt. Auf Partys verteilen Menschen nachgebastelte Einladungskarten, mit denen die Akteure im Film zu den tödlichen Wettkämpfen gelockt worden sind.

„Squid Game“ ist erfolgreichste Netflix-Serie aller Zeiten

„Squid Game“ wurde vier Wochen nach dem Start von mehr als 140 Millionen Nutzerkonten angesehen und ist damit die erfolgreichste Netflix-Serie aller Zeiten. Um Ihnen all das zu erzählen, musste ich googeln. Denn ich bin gefühlt der einzige Mensch auf dieser Welt, der diese Serie nicht gesehen hat. Was ich angesichts des Inhalts auch nicht weiter dramatisch finde. Die Handlung klingt verstörend. Das einzige Problem: Ich kann nicht mitreden, wenn sich fast mein ganzes Umfeld über die Dramaserie austauscht.

Dieses Gefühl kenne ich bereits. Nicht eine Folge von „Game of Thrones“, „Haus des Geldes“ oder „Friends“ habe ich gesehen. So ziemlich als Letzte in meinem Freundeskreis habe ich ein Abo bei Netflix abgeschlossen und mehrere Monate gebraucht, bis ich endlich mit den sechs Staffeln „Gossip Girl“ durch war. Während andere als Darth Vader verkleidet ins Kino gehen, weiß ich zwar, wie die Figur aus „Star Wars“ aussieht, habe mich aber nie für die Filme interessiert. Doch offenbar gibt es Klassiker unter Serien und Büchern, die jeder kennen sollte.

Muss man Harry Potter eine Chance geben?

Andere Menschen reagieren entsetzt und fassungslos, wenn ich ihnen beichte, dass ich noch kein einziges Harry-Potter-Buch gelesen habe. So wie meine Freundin Swanny. Sie kann einfach nicht nachvollziehen, dass ich so eine Leseratte bin, aber J. K. Rowling in meinem Leben bisher komplett ignoriert habe. Bei nahezu jedem Treffen möchte sie mir eines der Werke ausleihen – jedes Mal bin ich hin- und hergerissen.

Hat sie nicht recht? Millionen von Menschen auf der ganzen Welt lieben Harry Potter – muss ich dem Zauberer aus Hogwarts nicht wenigstens eine Chance geben? Ist es peinlich, vor Jahren nur eine Verfilmung von einem der berühmtesten Romane überhaupt gesehen und nahezu alles davon wieder vergessen zu haben?

Um Harry Potter kommt man nicht herum

Vor der Haustür meiner besten Freunde – die riesige Harry-Potter-Fans sind – liegt eine Fußmatte, auf der „Alohomora“ steht. Das ist ein Zauberspruch, der Türen öffnet, wie ich gestern Abend gelernt habe. Ich bin froh, dass die beiden mich trotz meiner Fantasy-Abneigung noch hereinlassen. Vermutlich nur, weil ich immerhin über etwas Wissen verfüge, das ich mit der Zeit aufgeschnappt habe.

An Harry Potter führt wirklich kein Weg vorbei. Die Handlung kenne ich grob, weil ich als Kind während eines Cluburlaubs in Spanien den sprechenden Hut gespielt habe. Einen Satz habe ich nie vergessen: „Ich bin der Hut, der sprechen tut, eine wahre Redeflut.“ Oder so ähnlich. Den Rest von Harry Potter habe ich hingegen aus meinem Gedächtnis gestrichen.

Menschen reden trotz Halbwissen mit

Den ganzen Tag lang streiten Menschen über Themen, von denen sie keine oder nur wenig Ahnung haben. Sie wollen gebildet wirken, mitreden können. Aus Scham, in einer Sache nicht so gut informiert zu sein, glänzen sie mit Halbwissen. Dabei ist es gar nicht möglich, sich in jeder Thematik zu Hause zu fühlen. Während der Bundestagswahl diskutierten Bürger über Wahlprogramme – ohne sich durch Hunderte von Seiten der Parteien gearbeitet zu haben.

Neulich erzählte ich einer Freundin, dass der Corona-Totimpfstoff bald kommen und wie die Grippe-Immunisierung funktionieren würde. So viel hatte ich einem Artikel bereits entnommen. Tiefer war ich noch nicht in die Materie eingestiegen. Niemand kann jeden Literaturklassiker gelesen, jede Serie gesehen haben und bei allen Thema mindestens über ein Wikipedia-Wissen verfügen. Ist es denn so schlimm, einfach mal nicht mitreden zu können?

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