Meinung
Leitartikel

Warum uns besseres Essen mehr wert sein sollte

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: HA

Nahrungsmittel werden immer teurer – darin kann aber auch eine Chance für die ganze Gesellschaft liegen.

Jeder Wochenmarktbummel oder Supermarkteinkauf bringt es an den Tag: Die Preise sind außer Rand und Band geraten. Plötzlich werden Beträge aufgerufen, die man zuvor selten oder nie gesehen hat: Ein Bio-Ei kostet plötzlich 60 Cent, eine konventionelle Gurke 1,79 Euro und der Liter Milch 1,50 Euro.

Diese gefühlte Inflation bestätigen inzwischen auch die Statistiker: Die Preise für Nahrungsmittel sind im September um 4,9 Prozent gestiegen und damit noch einmal stärker als die Inflation insgesamt. Zum Vergleich: Vor einem Jahr lag die Preissteigerungsrate bei 0,6 Prozent.

Warum Nahrungsmittel immer teurer werden

Eine Vielzahl von Gründen hat diesen Schub ausgelöst – die Corona-Krise hat Transportketten durcheinandergebracht, zudem haben sich Logistik, Energie und Vorprodukte erheblich verteuert. Der eine oder andere Anbieter mag derzeit auch testen, was er mehr für seine Produkte verlangen kann: Angesichts von Preissteigerungen von 9,2 Prozent für Gemüse oder 5,5 Prozent für Molkereiprodukte und Eier fällt eine Preisanpassung nach oben nicht mehr so auf.

Hinzu kommt aber ein Effekt, der möglicherweise mit der Klimadebatte der vergangenen Monate zu tun hat. Immer mehr Menschen sind sensibler geworden und fragen sich, wer am Ende eigentlich für die Billigpreise bezahlt: Wenn der Liter Milch günstiger ist als der Liter Cola, das Kilo Hackfleisch billiger ist als die Fertigpizza und das Hühnerei den Bruchteil eines Überraschungsei kostet, zahlt am Ende jemand anderes: der Landwirt, die Tiere, die Umwelt, das Klima.

Ende des Preiskampfes: Handelsketten ziehen endlich mit

Die Industrialisierung der Agrarwirtschaft hat die Produktion in den vergangenen Jahrzehnten enorm gesteigert, aber viele Kosten externalisiert. Für die Profite der einen zahlt am Ende die ganze Gesellschaft den Preis etwa mit belastetem Grundwasser, überdüngten Böden, aber auch mit unwürdigen Arbeitsbedingungen.

Nun gerät etwas in Bewegung: Selbst Discounter werben mit einem „Haltungswechsel“, machen die Produktion transparent und bieten offensiv Bioprodukte an. Eier werden auch deshalb teurer, weil das sogenannte Kükenschreddern entfällt. Die Bauerngemeinschaft „Hamfelder Hof“ bewirbt sogar eine Preiserhöhung um 20 Cent mutig auf ihren Milchtüten: „Es ist riskant, wir wagen es trotzdem“ steht dort zu lesen und erklärt, warum dieses Plus nötig ist: Es geht um artgerechte Tierhaltung, nachhaltige Bewirtschaftung und die Zukunft der Bauern. Anders als früher ziehen die Handelsketten endlich mit.

Besseres Essen darf uns mehr wert sein

Auch wenn es keiner hören mag: Der Anteil des Einkommens, den die Deutschen für Nahrungsmittel und Getränke ausgeben, stagniert seit Jahren bei rund zehn Prozent. Zum Vergleich: In Frankreich sind es 13,1 Prozent, in Italien sogar 14,2 Prozent. Vor rund 50 Jahren lag der Anteil hierzulande noch fast doppelt so hoch.

Besseres Essen darf uns also mehr wert sein – und ehrliche Preise können das Essen besser machen, wenn wir genauer hinschauen. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit gilt, dass mehr Menschen an Übergewicht krank werden als an Hunger. „Übergewicht tötet mehr Menschen als Untergewicht“ mag zynisch klingen – ist aber eine Erkenntnis der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Milch, Obst und Gemüse dürfen kein Privileg werden

Trotzdem dürfen Milch, Obst und Gemüse nicht zu einem Privileg der Besserverdiener werden. Der Staat kann hier steuern, etwa über eine Spreizung der Mehrwertsteuersätze. Dann könnten gesunde Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Nüsse oder Bio-Produkte vergünstigt werden. Im Gegenzug müssten ungesunde, gezuckerte Produkte wie Limonaden mit einer höheren Steuer belegt werden.

Am Ende hat eine andere Ernährungskultur positive Folgen für die ganze Gesellschaft – die Produzenten wie die Konsumenten. Essen hat seinen Wert.

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