Meinung
Post aus Washington

Wenn der Minister die Windeln der  Kinder wechselt ...

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Dirk Hautkapp
Dirk Hautkapp ist Washington-Korrespondent des Abendblatts.

Dirk Hautkapp ist Washington-Korrespondent des Abendblatts.

Foto: Hamburger / Privat

…  kriegen erzkonservative Republikaner und einige TV-Moderatoren Schnappatmung. Wie „parental leave“ in den USA verurteilt wird.

Washington. Kennen Sie schon Penelope Rose und Joseph August Buttigieg? Wenn nicht – der Blick auf die neuen Erdenbürger lohnt sich. Genauer: auf ihre Eltern Pete und Chasten Buttigieg. Und das, was einige mächtige Zeitgenossen gerade mit ihnen veranstalten, die in Amerika im gesellschaftspolitischen Pleistozän hängen geblieben sind oder jedenfalls so tun.

Zum Beispiel die sich auf der rechten Außenbahn der Republikaner l abstrampelnden Senatoren Tom Cotton (Arkansas) und Marsha Blackburn (Tennessee). Immer an vorderster Front zu finden, wenn es gilt, das in den USA durch Attacken der religiösen Rechten zusehends poröser werdende Recht auf Schwangerschaftsabbruch als wider Gottes Wille und Ordnung zu geißeln. Von solchen Leute dürfte man eigentlich erwarten, dass sie frenetisch Beifall spenden, wenn eine Abtreibung unterbleibt und Neugeborene adoptiert werden.

Pete Buttigieg in Kabinett berufen worden

Pete und Chasten Buttigieg haben genau das getan. Nach der Heirat 2018 hat das schwule Paar monatelang auf Wartelisten gestanden. In diesem Sommer hat’s geklappt. Im September präsentierten sich Pete Buttigieg und sein Ehemann mit einem Schwarz-Weiß-Foto in sozialen Medien als frischgebackene Väter von Penelope Rose und Joseph August. Der Schnappschuss hat bis heute fast eine halbe Million „Herzchen“ auf Twitter ausgelöst.

Andere erkannten darin einen Stein des Anstoßes. Denn Pete Buttigieg ist nicht irgendwer. Sondern der frühere demokratische Präsidentschaftskandidat, der Biden zu Beginn der Vorwahlen 2020 die Schau zu stehlen drohte. Der aber mit seinen erst 39 Jahren ein solches politisches Talent darstellt, dass Biden ihn nach dem Sieg über Donald Trump als Zeichen der Wertschätzung und Verjüngungsnotwendigkeit der demokratischen Partei in sein Kabinett berief. Dort versieht der eloquente Beherrscher von acht Sprachen das Amt des Ministers für Transport und Verkehr.

Pete Buttigieg machte Gebrauch von „parental leave“

Aber was auf Straßen und Brücken in Häfen und Flughäfen passiert, die Biden mit dreistelligem Milliardenaufwand modernisieren will, geht viele Amerikaner unmittelbar an. Darum genießt Buttigieg Aufmerksamkeit – und bisher ganz ordentliche Noten. Republikaner, noch dazu solche, die ihre Schwierigkeiten mit schwulen Eltern haben, wurmt das. Und nach einigem Suchen wurden sie fündig, um den ehemaligen Bürgermeister der Kleinstadt South Bend an die Karre zu fahren. Denn: Pete Buttigieg hat Gebrauch gemacht von „parental leave“, einer Art Elternzeit, wie sie in den allermeisten zivilisierten Industrieländern Standard ist.

Nicht aber in Amerika, wo abseits fortschrittlicher Großkonzerne Väter wie Mütter oft schon wenige Wochen nach der Geburt wieder arbeiten müssen. Buttigieg hat sich in den ersten vier Wochen seines „Erziehungsurlaubs“ ausgeklinkt aus dem politischen Tages-gedöns. Nur bei Chefsachen war er im „Homeoffice“ voll im Amt. Tom Cotton und Marsha Blackburn können das nicht verknusen. Ihr Tenor: Da tobt eine schwere Warenketten-Krise im Land, da lungern vor zentralen Häfen (Long Beach/Kalifornien) Dutzende Riesenschiffe mit dringend benötigten Waren und können nicht gelöscht werden – und der feine Herr Minister „sitzt zu Haus“ und wechselt Windeln.

Tucker Carlson machte sich über Elternzeit lustig

Tucker Carlson, Quoten- und Zoten-König beim Sender Fox News, machte sich lustig, indem er väterliche Elternzeit gehässig gleichstellte mit dem Versuch herauszufinden, wie Mann stillt. Ein Schlag ins Gesicht von geschätzt 150.000 gleichgeschlechtlichen Paaren, die in den USA kleine Kinder großziehen. Buttigieg hätte die grobe Keule herausholen können, um zu kontern. Er entschied sich für die sanfte Methode: „Wir müssen die Botschaft rüberbringen, dass Elternzeit Arbeit ist. Mein Job als Verkehrsminister beginnt zu vergleichsweise normalen Uhrzeiten. Mein Job als Vater beginnt um 3 Uhr morgens.“

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