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Zeichen setzen gegen Menschenverachtung

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Björn Jensen
Björn Jensen,  Abendblatt Sportredakteur

Björn Jensen, Abendblatt Sportredakteur

Foto: Michael Rauhe

Jüngste Vorfälle im Fußball unterstreichen, wie wichtig Kampf gegen Rassismus und Gewalt ist – und dass er ernst genommen wird .

Hamburg. Niemandem, der am vergangenen Wochenende das Geschehen im deutschen Zweitligafußball verfolgte, hätte man verübeln können, wenn sich ein Gedanke eingeschlichen hätte: Dass diese Geisterspiele, die Corona der Sportwelt eingebrockt hatte, gar keine so schlechte Idee sind. Angesichts der rassistischen Ausfälle einiger HSV-Anhänger gegen den ehemaligen Hamburger und aktuellen Düsseldorfer Profi Khaled Narey oder des widerlichen Banners Rostocker Ultras, die darauf den Tod eines Hamburger Polizeianwärters feierten, steht wieder einmal die Frage im Raum, die viele seit Jahren umtreibt: Wie stoppen wir die Verrohung der Gesellschaft?

Zunächst einmal gilt es festzuhalten, dass es nicht zielführend ist, den Fußball und sein Umfeld zu verdammen, auch wenn gewalttätige Auswüchse dieser Art in Deutschland in keinem anderen Sport bekannt sind. Fußball ist, nicht nur in diesem Land, der Schmelztiegel der Gesellschaft; der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich alle Schichten einigen können. Für viele Tausend Menschen ist die Liebe zu einem Verein Ersatz für Religion oder sonstige Gemeinschaften, und da dort, wo Liebe ist, auch Abneigung gedeiht, gehört zum Fußball immer auch Rivalität.

Gäbe es den Fußball nicht, würden sich viele Konflikte unkontrollierter auf den Straßen entladen

Wer sein Ticket fürs Fußballstadion kauft, erwirbt damit auch das Recht, laut anzufeuern und zu feiern, aber ebenso zu schimpfen und sich aufzuregen. Die Verunglimpfung des Gegners, auch wenn sie viele abstößt, die am Sport vor allem Fairplay und Miteinander schätzen, ist deshalb auszuhalten. Gäbe es den Fußball nicht, würden sich viele Konflikte unkontrollierter auf den Straßen entladen.

Kompliziert wird es dann, wenn Menschen glauben, ihr Hirn am Stadiontor abgeben und die Tribünen als rechtsfreien Raum begreifen zu dürfen. Auch hier ist jedoch eine Einordnung wichtig, denn obwohl von mancher Seite der Eindruck geschürt wird, dass heute alles schlimmer ist als je zuvor, war früher beileibe nicht alles besser. Im Gegenteil: Wer sich daran erinnert, dass es in den 90er- und frühen 2000er-Jahren gang und gäbe war, Leuchtraketen in den gegnerischen Fanblock zu schießen, wird zustimmen, dass ein Stadionbesuch heute gefahrloser möglich ist.

Wer sich 1991 fremdschämte, als in der Bundesligapartie des HSV gegen Wattenscheid der gegnerische Torjäger Sammy Sané von großen Teilen der Westkurve unentwegt mit Affenlauten beleidigt wurde, der wird mit Freude registrieren, wie rigoros Rassismus im Stadion mittlerweile verfolgt wird. Diese Pest eines Weltbilds wird zwar niemals ganz auszurotten sein. Aber dass sie weltweit so offensiv geächtet und – vollkommen zu Recht – mit lebenslangem Stadionbann bestraft wird, ist eine Weiterentwicklung, die hervorzuheben ist.

Ultras setzen im Kampf gegen Rassismus und Sexismus immer wieder Zeichen

Einen großen Anteil daran haben diejenigen, die sich als Herzstück der Fanszene empfinden. Die Ultras vieler Vereine setzen im Kampf gegen Rassismus und Sexismus immer wieder Zeichen. Umso trauriger ist es, dass es ihnen auf der anderen Seite nicht gelingt, sich auch deutlich gegen körperliche Gewalt gegen die Polizei abzugrenzen. Aus eigener Erfahrung aus einer dreistelligen Zahl an HSV-Auswärtsspielen und einigen Demonstrationen gilt es deutlich zu sagen, dass es auch aufseiten der Staatsmacht einige gibt, die es mit der Menschenwürde nicht so genau nehmen, und dass Polizeigewalt zu oft nicht geahndet wird. Doch wer auf der einen Seite mit Verweis auf die Menschenwürde gegen Rassismus kämpft und auf der anderen Seite den Tod eines „Gegners“ bejubelt, handelt nicht nur ambivalent, sondern zerstört die eigene Glaubwürdigkeit.

Umso schöner wäre es, wenn aus der gegenüber vielen Dingen kritischen aktiven Fanszene Deutschlands ein klares Zeichen gesetzt würde, dass Beleidigung und Bedrohung von Menschen, ob nun Ausländerin, Polizist oder Werder-Fan, im Sport keinen Platz haben darf. Vielleicht schon an diesem Sonntag, wenn in einem Hamburger Stadtteil in Hafennähe der einstige Erzrivale Hansa Rostock mit seinen Ultras aufkreuzt?

Zum Abschluss gilt es, den Faden vom Einstieg aufzunehmen. Natürlich wünscht sich niemand Geisterspiele zurück. Aber ein Vorschlag an all die, die es betrifft: Bleibt bitte so lange in häuslicher Quarantäne, bis der Impfstoff gegen Menschenverachtung gefunden ist.

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