Meinung
Die Wilden Zwanziger

„Paradox of Choice“ – Wo ist der Pausenknopf?

| Lesedauer: 5 Minuten
Annabell Behrmann
 Annabell Behrmann (29) ist Redakteurin des Abendblatts.

Annabell Behrmann (29) ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Thorsten Ahlf

So viele Restaurants! Immer mehr Nudelsorten! 70.000 neue Bücher in einem Jahr! Und jetzt bitte schnell entscheiden ...

Gestern hatten mein Freund und ich Jahrestag. Wir wollten uns einen schönen Abend machen und gemütlich essen gehen – in einem Restaurant, das wir noch nicht kannten. Das sollte in einer Großstadt wie Hamburg mit Hunderten von Gastronomien ja kein Problem sein, dachten wir. Also fing ich an zu googeln: „Romantische Restaurants Hamburg“ tippte ich in das Suchfeld ein. Fast eine Stunde lang scrollte ich mich durch diverse Restaurantratgeber.

In welchem Stadtteil wollten wir überhaupt essen gehen? Welche Küche sollte es sein? Wie immer italienisch? Griechisch? Oder mal etwas anderes wie vietnamesisch oder libanesisch? Das eine Lokal war zu teuer. Das andere sah nicht so gemütlich aus. Der Favorit war schon ausgebucht.

Das Phänomen heißt „Paradox of Choice“

Die Auswahl schien endlos zu sein. Auf der einen Seite suggerierte sie einem ein Gefühl von Freiheit. Es ist toll, immer etwas Neues entdecken zu können. Sich immer für etwas anderes entscheiden zu können. Mich hat die Anzahl der Möglichkeiten allerdings eher erschlagen. Am Ende habe ich mein Handy weggelegt und war kurz davor, einfach wie immer in der Pizzeria in unserer Straße einen Tisch zu reservieren.

Dieses Phänomen nennt sich übrigens „Paradox of Choice“. Im Jahr 2000 führten zwei Wissenschaftler eine Studie mit Marmeladensorten durch. Das Ergebnis: Je größer die Auswahl war, desto weniger Menschen kauften eine Marmelade, weil sie sich nicht für eine entscheiden konnten. Aus Angst vor einer falschen Entscheidung haben sie lieber gar keine getroffen.

Welche Nudelsorte von welcher Marke wähle ich?

Schon seit Jahren beklagen Menschen, dass es einfach zu viele Auswahlmöglichkeiten gibt. Das Problem: Es werden immer mehr. Bleiben wir beim Beispiel Essen. Allein dieses Thema bietet eine Vielzahl an Optionen: Gehe ich im Restaurant essen? Bestelle ich mir etwas? Oder koche ich selbst? Wenn ich mich fürs Kochen entscheide: In welchem Supermarkt kaufe ich ein? Welche Nudelsorte von welcher Marke wähle ich? Oder lasse ich mir die Lebensmittel lieber nach Hause liefern? Wenn ja, mit welchem Dienstleister? Mit HelloFresh? Frischepost? Oder nutze ich einen dieser neuen Lieferdienste? Soll ich Gorillas oder Flink auswählen? Beide versprechen, dir deinen Einkauf in nur zehn Minuten an die Haustür zu bringen.

In einer ohnehin schon schnelllebigen Welt wird alles noch schneller. Brauche ich wirklich jemanden, der mir die Eier, die ich im Supermarkt vergessen habe, zum Kuchenbacken hinterherträgt? Oder trete ich selbst vor die Tür, atme tief ein und nehme mir vielleicht sogar die Zeit, sie direkt auf dem nächsten Bauernhof zu kaufen, wo ich den Hühnern beim Picken zusehen kann?

Wo ist der Pausenknopf?

Immer mehr Unternehmen bieten immer mehr Produkte und Dienstleistungen an. Neulich habe ich im Internet nach einer Ferienwohnung an der Ostsee gesucht. Immerhin hatte ich mich schon für ein Reiseziel entschieden, was angesichts der großen Auswahl schon eine Herausforderung war. Zig verschiedene Urlaubsportale mit etlichen Ferienwohnungen habe ich stundenlang durchstöbert. Als ich mich endlich für eine Unterkunft entschieden hatte, wartete ich ein paar Tage mit der Buchung – bis sie vergeben war. Die Suche begann also von vorn.

Mir macht es Spaß, nach Urlaubsorten zu suchen – andererseits überfordert mich das Angebot. Genauso geht es mir in Buchhandlungen. Ich liebe es, meine Zeit zwischen den Regalen mit Tausenden von Büchern zu verbringen, mir Inhaltsangaben durchzulesen und am Ende ein Werk mit nach Hause zu nehmen. Trotzdem ist es einfach nicht zu schaffen, der Auswahl auch nur einigermaßen gerecht zu werden. Knapp 70.000 neue Buchtitel sind im vergangenen Jahr auf dem deutschen Markt erschienen. Nur einen Bruchteil davon – meistens die Bücher, die in den Geschäften gut sichtbar platziert sind – schauen sich die Kunden wirklich intensiver an.

Um nicht ständig an Entscheidungen zu verzweifeln, setze ich gern auf Altbewährtes. Mit einigen Freundinnen habe ich zum Beispiel Stammlokale. Mit Anna treffe ich mich meistens in der Pizzeria, mit Adriana früher im Vapiano an der Hallerstraße. Es hat uns ein wenig aus der Bahn geworfen, als es geschlossen wurde. Mit meinem Freund war ich übrigens beim Italiener, den ich noch nicht kannte, und er war lange nicht mehr dort. Fühlte sich sehr abenteuerlich an.

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