Meinung
Schumachers Woche

Meine Wade und die Weltwirtschaft

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Hajo Schumacher
Kolumnist Hajo Schumacher über den Stoff, der sich verkrümelt.

Kolumnist Hajo Schumacher über den Stoff, der sich verkrümelt.

Foto: © Annette Hauschild / OSTKREUZ - Agentur der Fotografen GmbH

Gegen Krämpfe beim Joggen hilft Magnesium. Jetzt aber wird das Element „Mg“ zur Mangelware. Für mich. Für die Industrie. Für alle.

Ich gestehe: Ich bin druff. Abhängig von Magnesium. Ich brauche das Zeug. Sonst kommen die Krämpfe. Sport im Alter bedeutet ja das Fahnden nach Bewegungsmustern, mit denen die vielfältigen Schmerzpunkte im Körper zu umgehen sind. Am Ende aber mault doch wieder irgendein Muskel.

Magnesium hilft. Opium für die Wade. Und für die Industrie. Denn der silbrigweiße Staub, der ein Metall ist, steckt in Flugzeugen und E-Bikes, ist unersetzlich für Maschinen- und Automobilbau und bei der Stahlproduktion. Vom Stent für die Herz-OP bis zum Haftpulver für Turnerinnen, von einem der wenigen spektakulären Experimente im Chemieunterricht bis zum Motorenblock – nichts geht ohne Magnesium.

Magnesium gibt es reichlich auf der Erde

Das Element namens „Mg“ gibt’s reichlich auf der Erde, fast wie Silizium. Das Zeug krallt sich allerdings an Gestein – das Produzieren eines Kilogramms Magnesium per Pidgeon-Prozess verursacht im Vergleich zum Kilogramm Stahl das Zwanzigfache an Kohlendioxid. Schmuddelkram also, der die Klimabilanz versaut.

Weil „Globalisierung“ hierzulande als das Auslagern schmuddeliger Industrien definiert ist, wurde der Pidgeon-Prozess vor 20 Jahren zu den Dumping-Experten nach China delegiert, wo heute fast 90 Prozent des Weltmagnesiums produziert werden, über 800.000 Tonnen. Ein paar Krümel würden da immer abfallen, dachten wir, auch wegen unserer sinophilen Autokanzlerin. Leider verkrümelt.

Europas Industrie krampft

Zur Chip-Krise (vgl: Silizium), die die deutsche Wirtschaftsbilanz für 2021 trübt, gesellt sich Magnesiummangel. Bald sind die Vorräte aufgebraucht. Und China liefert nicht. Wegen des Klimaschutzes, so heißt es offiziell, sind die 30 Magnesiumwerke in Shanxi, die die Welt versorgen, abgeschaltet oder laufen im Sparbetrieb, der zumindest den chinesischen Bedarf deckt.

Magnesium steht übrigens seit 2017 auf der EU-Liste der kritischen Rohstoffe. Eine Meerwasserentsalzungsanlage, betrieben mit Sonnenstrom, kann Ma­gnesium produzieren. Hätte, hätte, Europalette.

Bald ist Magnesium alle. Europas Industrie krampft.

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