Meinung
Die Wilden Zwanziger

Die Ravioli sind verbrannt! Mir fehlt ein Hund!

| Lesedauer: 5 Minuten
Annabell Behrmann
 Annabell Behrmann (29) ist Redakteurin des Abendblatts.

Annabell Behrmann (29) ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Thorsten Ahlf

Und warum zu Teufel hat der Mensch noch (schmerzende) Weisheitszähne? Manchmal muss das wirklich Wichtige einfach raus.

Hamburg. Es kommt mir vor, als würde heutzutage alles eine Botschaft enthalten. Poster, Kalender, Tassen, Stifte, Postkarten – in Geschäften wimmelt es nur so von Produkten, die mit motivierenden Zitaten versehen sind. Selbst Werbeplakate wollen zum Nachdenken anregen und ermutigen.

Wie zum Beispiel der Streamingdienst Netflix: „Don’t give up on your dreams. We started with DVDs.“ T-Shirts werden mit Statements bedruckt. Beim Kauf sollte man allerdings aufpassen. Meine Mutter hat vor Jahren einmal ein Oberteil getragen, das sie wegen der hübschen, pinken Aufschrift gekauft hat. Was dort stand, hat sie nicht gelesen: „Love? No! I prefer Vodka and Party!“

Die wilden Zwanziger zwischen verbrannten Ravioli und fehlenden Hunden

Fotos auf Instagram werden nicht ohne inspirierenden Text gepostet – natürlich auf Englisch, das klingt cooler. LinkedIn-Nutzer wechseln nicht einfach geräuschlos ihren Job. Sie verkünden in dem Netzwerk, mit welcher bedeutenden Tätigkeit sie künftig die Welt bereichern werden. Selbst an dem Teebeutel, den ich mir jeden Morgen mit heißem Wasser aufgieße, hängt ein kleiner Zettel mit einem weisen Yogi-Spruch. Heute: „Schenke Menschen Inspiration!“

Ich mag Botschaften. Ich finde sie wichtig, deswegen bemühe ich mich, sie auch in meinen Kolumnen unterzubringen. Meistens überlege ich mir eine Kernaussage und stricke den Rest drum herum. Was ist aber, wenn ich einfach eine Geschichte erzählen möchte, weil ich sie nett finde, ohne tieferen Sinn? Braucht wirklich alles im Leben eine Botschaft?

Finden Sie die Erkenntnis zwischen den Zeilen?

In meinem Notizblock stehen mehrere Themen zur Auswahl, über die ich Lust hätte zu schreiben. Sie bewegen mich. Doch beim besten Willen finde ich keine bahnbrechende Erkenntnis in ihnen, die Sie als Leser weiterbringen könnte. Oder doch? Vielleicht findet sie jemand zwischen den Zeilen?

Am Wochenende hatten wir Besuch von einem befreundeten Pärchen aus Braunschweig. Zur Hochzeit haben wir unter anderem einen gemütlichen Kochabend mit selbst gemachten Nudeln verschenkt. Als wir uns nach vier Stunden harter Arbeit – doppelt so lang wie geplant – gegen 21.30 Uhr endlich die erste Ravioli in den Mund schoben, kauten wir auf einer harten, zähen Masse herum.

Misslungene Ravioli: Es muss nicht immer alles perfekt sein

„Schmeckt doch ganz lecker“, sagten wir und nickten uns aufmunternd zu, während wir versuchten, die Nudel zu zerkleinern. Die zweite Portion ist in der Pfanne angebrannt. So ähnlich müssen sich die Menschen in der Steinzeit gefühlt haben, wenn sie nach langer Jagd ohne erlegtes Mammut zurück in die Höhle gekommen sind.

So ziemlich alles ist in der Küche schiefgelaufen. Trotzdem hatten wir einen supernetten Abend mit tollen Gesprächen. Es muss nicht immer alles perfekt sein. Das wäre meine Lehre aus diesem Erlebnis. Aber ist das nicht ein bisschen dünn als Botschaft für eine ganze Kolumne? Da war die Message auf dem Pullover unseres Gastes aussagekräftiger: „There is no Planet B“.

Warum zum Teufel hat der Mensch noch Weisheitszähne?

Ein anderes Thema, das mich beschäftigt: Ich leide unter akuten Entzugserscheinungen und vermisse es wahnsinnig, einen Hund um mich herum zu haben. Vor etwa dreieinhalb Monaten ist unsere Familienhündin verstorben. Sie fehlt mir so sehr, dass ich das Verlangen entwickelt habe, jeden fremden Vierbeiner im Park zu streicheln.

Überall sehe ich Hunde. Wie sauer Bier biete ich mich jedem Hundebesitzer im Bekanntenkreis an, mit seinem Tier Gassi zu gehen oder es einzuhüten. Das Leben mit Hund ist einfach so viel schöner! Für mich ist diese Botschaft sehr bedeutend – für andere vielleicht auch?

Am meisten treibt mich aber diese Frage momentan um: Warum zum Teufel hat der Mensch noch Weisheitszähne? Wieso sind die Anlagen aus der Steinzeit nicht im Laufe der Evolution verkümmert, wenn doch eh niemand diese Zähne mehr braucht, um ein unverarbeitetes Bison zu zerbeißen? Stattdessen werden sie unter Schmerzen entfernt.

Überall steckt eine Botschaft drin

So wie bei mir in ein paar Wochen, wie ich am Montag erfahren habe. Das ist für eine Schisserin wie mich, die schon beim Blutabnehmen die Augen zusammenkneift, nicht gerade Anlass zum Freudentanz. Aber interessiert das irgendjemanden? Die Yogi-Sprüche an meinem Teebeutel bringen vermutlich wichtigere Erkenntnisse.

Vielleicht reicht es aber auch, einfach mal einen Schwank aus seinem Leben zu erzählen. Nicht überall muss eine Botschaft drinstecken – und damit habe ich am Ende doch eine.

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