Meinung
"Politik auf der Couch"

Kevin Kühnert – der ganz andere

| Lesedauer: 4 Minuten
Hajo Schumacher
Hajo Schumacher erkennt: Kevin Kühnert und Philipp Amthor stehen für ganz unterschiedliche Politikstile.

Hajo Schumacher erkennt: Kevin Kühnert und Philipp Amthor stehen für ganz unterschiedliche Politikstile.

Foto: © Annette Hauschild/OSTKREUZ / OSTKREUZ - Agentur der Fotografen GmbH

Mit einer NDR-Dokumentation hat der ehemalige Juso-Chef und Neu-Bundestagsabgeordnete für reichlich Gesprächsstoff gesorgt.

Faszinierend, wie viel Gesprächsstoff die NDR-Dokumentation über einen Nachwuchspolitiker liefert. Haben nicht viele Netflix-Serien geschafft. Im Blumenladen, beim Sport, zum Abendessen – überall wird über Kevin Kühnert gesprochen, den Jungstar der SPD, der sich drei Jahre lang immer wieder hat mikrofonieren und filmen lassen, was seltene Einblicke in die düsteren Ecken des Politikbetriebs gewährt. Ohne belehrende Kommentare oder künstliches Drama werden Funktionsweisen und Machtströme im Dauerdampfkessel aufgezeigt. Der Protagonist spricht für sich.

Kühnert ist neben Sahra Wagenknecht die größte Reizfigur links der Mitte. Er habe nie richtig gearbeitet, lautet ein Killervorwurf. Heranwachsende, die die Serie geschaut haben, zeigen hingegen Respekt vor Kühnerts Marathon ohne Zieleinlauf. Kaum freie Wochenenden, morgens Sitzung, abends Ortsverein, dauernd Strippen ziehen, schnelle Zigaretten beim Smartphone-Checken, fünf Stunden Schlaf.

Kühnert fehlt der Erlösergestus – stattdessen gibt es einen kooperativen Ton

Bei aller Frühschlitzohrigkeit und mal abgesehen von seinen politischen Positionen fällt ein frischer Stil auf, ein kooperativer Ton, der sich angenehm unterscheidet von den Heldendarstellern. Kühnert fehlt das Stumpfstählerne gegen sich selbst und andere, das Markus Söder verkörpert, oder Merzens Erlösergestus. Er hat den Mut, im Interview „Weiß nicht“ zu sagen, er müsse erst nachdenken. Beim Abschied von den Jusos weint er. Gerhard Schröder brauchte dafür einen Großen Zapfenstreich und „My Way“.

Eine der aufschlussreichsten Szenen ist ein Treffen Kühnerts mit CDU-Nachwuchskraft Philipp Amthor.Sie sollen ein gemeinsames Interview geben. Kaum tritt Amthor auf, verändert sich die Temperatur, gerade so, als beträte Helmut Kohl den Raum. Dieser machtbewusste Checker-Blick, effektvoll dosierte Ansagen zwischen Kumpeligkeit und Herrscherfreude – das Gehabe kennt man von Männern, die sicher sind, dass alle gucken. Alphas eben.

Fußballer Niklas Süle klingt wie Politiker Kevin Kühnert

Kühnert ist demonstrativ ein Beta, eine vorläufige Version seiner selbst, die sich langsam, aber stetig nach oben testet. Studentisch gekleidet, eher widerwillig im Schminkstuhl vorm TV-Auftritt, geht Kühnert bisweilen unter in seinem Team, mit dem er immer wieder den Abgleich sucht. Da ist keinerlei Hierarchie zu spüren, weder Rollenbilder noch Statusgedöns zählen, sondern der kluge Beitrag. Das Bemerkenswerte an Kühnert ist nicht sein Bambi-Sozialismus, sondern der neue Stil: Teamgeist statt Heldenkult. Ein Generationenphänomen?

„Wir vertrauen einander. Und in einem sind wir uns alle einig: Wir wollen immer so zueinander sein, wie wir in der Jugend waren, als Geld, Prominenz und Druck keine Rolle spielten“ – so beschreibt Bayern-Profi Niklas Süle sein Verhältnis zu den Kollegen Timo Werner oder Serge Gnabry. Er wolle den Menschen sehen, nicht den Star, so Süle, „und ich glaube, dass die Jungs ähnliche Werte verfolgen“. Der Fußballer Süle klingt wie der Politiker Kühnert. Pose, Lebensphase, Wunschdenken oder Evolution, das wird sich zeigen.

Kühnert und Amthor repräsentieren ein grundverschiedenes Verständnis von Miteinander

Kühnert und Amthor jedenfalls repräsentieren ein grundverschiedenes Verständnis von Miteinander. Amthor spielt die Altvorderen nach, er steht für Status, Hierarchie und den guten alten Heldenmythos, dass nur der Richtige kommen muss, um die Welt oder wenigstens die Partei zu retten. Kühnert wirkt sehr viel kooperativer, immer wieder lässt er durchklingen, dass etwa die Bürde des Parteivorsitzes allein kaum zu schaffen sei und ein Neuausrichten der SPD schon gar nicht. Statt Aura verbreitet Kühnert Nahbarkeit, der selbst knurrige Knochen wie Ralf Stegner nicht widerstehen können.

Faszinierend die Szene, als der junge Kühnert den Haudegen Esken und Walter-Borjans vor ihrer Bewerbungsrede etwas mehr Freundlichkeit in die Gesichter zu implantieren versucht. Andächtig lassen sie den Schnellkurs in Sachen darstellender Empathie über sich ergehen. Würde Philipp Amthor seiner Kanzlerin raten, die Mundwinkel nach oben zu bewegen? Schwer vorstellbar.

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